Bin mit dem Tag zufrieden ;)
TL&DR:
Ergometer heute früh hat geklappt!
In der Gruppentherapie war Abschiedsrunde für zwei, daher viel Feedback für die beiden und eine lange Befindenrunde, kein großes Thema. (Hab Protokoll geschrieben für einen, das war anstrengend für meine Hand, aber eine gute Übung, um sich aufs Wesentliche zu konzentrieren.)
Erste MTT war gut: medizinisch-therapeutisches Training (im Grunde Ausdauerkrafttraining). Ein paar Fitnessmaschinen mit 20 Wiederholungen. Hab mich ausgepowert.
Erstes Einzelgespräch war gut, grobe Therapieziele festgelegt. Tracken jetzt meine Handnutzungen die nächsten zwei Wochen. Handy behalte ich erstmal, kann es aber abgeben, wenn ich will. Hausaufgaben: fühlen und weniger verkopft sein, vor allem Gefühle festhalten und für die nächste Therapie aufbereiten.
Heute Abend noch Singalong, mal sehen, wie es wird.
Lange Version
Zum Einzel:
Wir haben vor allem über die Situationen vor der Reha, aktuelle Ziele und das Wohlbefinden in der Reha gesprochen, über die Sucht-Thematik und die Arbeitssuche. Über die ehemaligen Klinikaufenthalte zu sprechen war sehr anstrengend, habe geheult, danach sehr müde. Als Therapieziele für das Einzel und allgemein haben wir festgehalten: Erstens mich um die Sucht kümmern (an erster Stelle), an zweiter Stelle ums ADHS kümmern, und an dritter Stelle stehen persönliche Themen, die wir vor allem in den Einzeln erledigen werden. Gruppentherapie, Alltag, meine Bücher und Aufgaben von den Therapeuten werden sich um die ersten zwei Ziele kümmern.
Die erste Hausaufgabe für die nächsten zwei Wochen ist: sobald ein Gefühl auftaucht, aufschreiben und meiner Therapeutin ein Bild von meiner inneren Gefühlslage vermitteln, sowie meiner Gefühlslage während der Gruppentherapien. Ich hatte der Therapeutin einen Vertrauensvorschuss gegeben und so offen wie möglich über die Sucht-Thematik geredet. War sehr unangenehm, das mit einer Frau zu besprechen, aber wenn ich später arbeiten will, muss es sein.
Bisher habe ich eigentlich fast keinen Suchtdruck gehabt, auf einer Skala von 1 bis 10 höchstens 2. Aber bisher sind ja auch alle Eindrücke neu, und ich habe viel zu tun. Das gibt meinem ADHS-Gehirn sehr viel Stimulus, was die Sucht ersetzt. Ich höre jetzt auf, Nippes zu kaufen – sowas wie eine neue Taucherbrille oder Nahrungsergänzungspulver –, weil ich mir keine Kaufsucht anlachen möchte. Deswegen habe ich meine Ausgaben jetzt gestoppt. Aber ich bin da aufmerksam; man rutscht da doch sehr schnell rein, sich was Kleines Nützliches zu kaufen, weil man sich glücklich kaufen möchte.
Das Fazit des Einzels war, dass ich selbst nach zwei Klinikaufenthalten und der ambulanten Therapie noch immer Schwierigkeiten habe, meine Emotionen zuzulassen, zu fühlen und ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. Die Sucht verdeckt vieles, und jetzt, wo ich schon acht Tage abstinent bin, merke ich immer noch, dass ich nicht viel fühle, insbesondere wenig reagiere auf die Umgebung. Ich habe recht wenig Gefühle der Reha gegenüber oder den Leuten hier gegenüber. Das ist viel eine Projektperspektive: Probleme, die ich lösen kann oder nicht lösen kann, die ich interessant finde oder nicht interessant finde, die für mich anstrengend sind, gesund sind oder ungesund sind. Das ist alles sehr distanziert. Das heißt nicht, dass ich die Leute schlecht behandle, aber dass ich sie nicht an mich ranlasse. Und dass ich Intimität, was eines meiner Grundbedürfnisse ist, nicht aufbauen kann. Auch wenn ich mit ihnen über ihre sensiblen Themen spreche, fühle ich das nicht – höchstens eine Spiegelung von dem, was bei ihnen abgeht – und dann rutsche ich in meine Co-Therapeuten-Verhaltensweisen.
Deswegen wurde mir ans Herz gelegt, ein wenig Abstand zu wahren und mich nicht mit zu vielen Aktivitäten abzulenken. Ich hatte den Flo im Ohr, eine ADHS-Selbsthilfegruppe zu starten, was gegangen wäre, wenn ich es anders genannt hätte – z. B. „Hilfe bei Selbstorganisation und Zeitmanagement“ oder so –, weil das Selbsthilfe-Thema ein bisschen schwierig ist in der Klinik unter den Patienten. Aber soweit kam es gar nicht, weil vorher aufgefallen ist, dass ich das nur aus einem Verpflichtungsgefühl machen würde, und das wieder eine Ablenkungssache wäre. Wenn ich einzelnen Leuten damit helfen möchte oder sie mich darauf ansprechen, ist das eine Sache. Wenn ich mir aber jetzt eine ganze Gruppe anlache, weil viele hier das Thema haben, würde mich das nur von meinem eigentlichen Thema ablenken. Deswegen erstmal nein – was sinnvoll ist und was ich gut finde.
Die Gruppe zum Mitsingen hatte ich in dem Gespräch nicht erwähnt, aber das ist tatsächlich etwas, bei dem ich fühle und Spaß habe, und das mir einen sehr großen Mehrwert gibt. Deswegen ist das kein Störfaktor. Gleichzeitig bin ich emotional total erschöpft nach dem Einzel. Das war um 15 Uhr, wir haben jetzt 18:30 Uhr, und ich bin immer noch müde. Ich nehme mir jetzt noch eine halbe Stunde zum Vorbereiten, ein wenig Erholen, und dann starten wir morgen in den Tag. Morgen wird ziemlich voll mit Sachen wie Ergotherapie, zwei Vorträgen zum Thema Schlafstörungen und Angststörungen und am Ende des Tages noch einer Gruppentherapie.
Abgesehen von dem Einzel lief der Tag auch sonst sehr gut – ich war sehr positiv überrascht vom Sport. Ich habe ein bisschen Muskelkater von gestern, und es lief trotzdem sehr gut.
Man gewöhnt sich an das Zimmer und die Mitpatienten, und meine persönliche Organisation passt sich auch an. Ich suche noch das Optimum und lese immer so ein kleines bisschen mit und überlege, was ich noch besser machen kann – aber das ist ein guter Prozess.
Danke fürs Lesen, und einen wunderbaren Abend und morgen einen schönen Start in den Tag. LG