Heute war wie erwartet entspannt, und einige zaghafte Sachen sind aufgetaucht. Später ein (womöglich) riesen Ding.
Tl&Dr:
Schlaf: besser als erwartet.
Sport: ab morgen Yoga und Ergometer.
Freizeit: viel Zeit mit Reden in der WG verbracht (Sucht-Themen besprochen, Alltag und etwa Go gespielt).
Therapie-Themen: aktuelle politische Krise war leider wieder Thema.
Lang:
Überraschend gut geschlafen, mir 3-mal durch das Schnarchen aufgewacht. Hab von der Aufnahme gesagt bekommen, dass ich auch dort schlafen kann, wenn es so weitergeht. Definitiv bis Dienstag. Evtl. gewöhnt man sich ans Schnarchen.
Heute Ergometer-Pause, dafür eine 15-min-Yoga-Routine gemacht. Werde sie vor das Ergometer-Training legen, ist einen Versuch wert.
Etwas innerlich sortiert und Notizen durchgesehen. Ich brauche da definitiv noch mehr Ordnung, und es kommt noch mehr Sortieren, aber das ist eine Aufgabe für einen anderen Tag.
Viel geredet mit WG-Mitgliedern über Suchtmechaniken und wofür wir anfällig sind.
Über den Tag hinweg ausgeruht und Einsichten sacken lassen. Ich bin gut dabei, dafür, dass erst 20 % der Reha vorbei sind. Ich bin zufrieden mit dem Mix aus Erholung, Stimulus und innerer Arbeit. Er könnte noch etwas besser verteilt sein, aber ich arbeite dran, mehr zu fühlen und mich proaktiv und wohlwollend mit mir und meinen Themen zu besprechen.
2 Patienten Go beigebracht. Einer ist schon fast so gut wie ich.
Am Dienstag geht ein weiterer Patient, und er hat auch ADHS, Gaming und Pornografie als Themen. Wir haben uns für morgen um 10:00 abgesprochen, um über seine Rückfallpräventionspläne und Erwartungen zu reden. Ich erhoffe mir da viele Insights über Schlüsselkonzepte der Therapie hier und Strategien, die ich übernehmen oder zumindest anpassen kann. Glaube, dass es ihm gut tun wird. Evtl. schlage ich vor, dass sowas regelmäßig in der Rehabilitandengruppe besprochen wird, bevor jemand geht, was dabei helfen könnte, die Strategien weiter präsent zu halten und evtl. auch zu verfeinern.
Abends leider zum 3. oder 4. Mal über Politik diskutiert... Das ist ein größeres Thema für mich, als ich mir eingestehen will. Ich werde es wohl für ein Einzel vorbereiten müssen. Es hält mich aktiv davon ab, mich auf meine Vorbereitung nach der Reha oder aufs Fühlen zu konzentrieren. Es ploppt auch immer häufiger auf, selbst wenn ich mir sage, ich rede nicht darüber. Ich sehe den Kontext und die Trigger überall. Unten ein kleiner Einblick in die Gedanken dazu.
Die genauen Trigger verschwimmen leider im Nachhinein. Ich nehme mir vor, darüber Notizen zu machen: habe mir eine Erinnerung / To-Do-Notion-Block für den Tag geschrieben. Werde es weiter trainieren, darauf aufzupassen. Ist insbesondere relevant, weil es sich mit einem Gefühl tiefen Zorns/Wut und der darunterliegenden Verzweiflung und Hilflosigkeit und darunter nochmals empfundenem Verrat einhergeht. Ist also doppelt ergiebig.
Ein Versuch, das politische Thema zu umschreiben: Bisherige Trigger waren z. B. eindeutige Fragen wie:
Du bist eher links, oder?
Du bist based, hätte gedacht, dass du eher links bist.
Die könnte ich leicht umschiffen, wenn ich sage, ich will hier lieber nicht über Politik reden. Dazu müsste ich wirklich nicht über Politik reden wollen... was leider nur zum Teil stimmt, wenn ich ehrlich bin.
Andere Aussagen/Fragen wie:
Ich weiß nicht, wieso wir hier so ein geringes Therapieangebot haben?
Die Zeit hier ist ja nur ein Pflaster, es ist viel zu kurz und zu wenig Therapie, als dass es langfristig helfen könnte. Wieso ist das so?
Andere Trigger sind mir jetzt leider nicht mehr präsent... Aber es gab sie. Evtl. könnte ich sie gut umschiffen. Aber die Diskussionen und "Wirkt-Reden", die ich hier bisher gehabt habe, wurden durch Obiges eingeleitet.
Die letzten zwei sind subtil und haben nur peripher mit dem Thema zu tun, führen mich aber schnell in Rage über die subjektiv wahrgenommene Ungerechtigkeit, dass wir zu wenig Geld für Soziales und unser Gesundheitswesen ausgeben und es stattdessen lieber weiter in Korruption und Vetternwirtschaft investieren, unter der Illusion, dass "alle Parteien" schlimm seien, obwohl die Skandale und Nachrichten der letzten Jahre einige als besonders sinnvertrauenswürdig zeigen. Aber Menschen, die ich kenne und schätze, haben diese Parteien für die "richtige" Wahl gehalten und bleiben auch noch weiter dabei. Und das ist wahrscheinlich Teil des Themas: Wenn ich nachdenke und nachfühle, wieso das für mich ein Thema ist, läuft es darauf hinaus, dass ich Angst habe. Angst davor, wie sich dieses Land, der Ton in Alltagsgesprächen, die Nachrichtenvermittlung und meine Zukunft hier entwickeln. Ich realisiere, wie klein ich bin und dass ich dem ausgeliefert bin, weil meine alleinige Wahlentscheidung zwar zählt, aber so viele Menschen, die ich kenne und schätze, von denen ich dachte, sie teilen meine Werte und Hoffnungen, Parteien wählen, die passiv oder aktiv eben diese entweder als unwichtig erachten oder dagegen arbeiten.
Ich bin kein Politik- oder Wirtschaftsexperte, kein Historiker und kein Wahlforscher. Ich kann nicht in die Köpfe anderer sehen. Aber die Parallelen zwischen 1933 und heutzutage sind erschreckend:
Die Zersplitterung der Gesellschaft auf dem politischen Spektrum, insbesondere:
mit Hinsicht auf eine starke nationalistische, rechtsradikale, menschenverachtende Partei, die durch große Investoren unterstützt und ihre Agenda scheinheilig hinter Populismus versteckt.
Die Lügen, sie zu einer gesellschaftlich relativ weit anerkannten und nicht genug verteidigten Minderheit zu machen — diesmal weder Behinderte, Juden oder Sinti/Roma, stattdessen Arbeitslose, Menschen mit Migrationshintergrund und sozial schwache Menschen.
Die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit den etablierten Parteien und deren Korruption. Dieses Mal gibt es keinen Hindenburg. Obwohl auch dessen Angst vor dem Kommunismus ihn die Nationalisten unterstützen ließ.
Die Angst in der Öffentlichkeit und das Abwerten von "linkem", sozialistischem/kommunistischem Gedankengut. Der Kulturkampf, der benutzt wird, um von den politischen Missständen und den Klassenunterschieden, die diese verursachen, abzulenken.
Die Sehnsucht vieler Menschen und teilweise aktiver Wunsch nach starken "Charakteren" und starken "Männern".
Die Akzeptanz in der Gesellschaft, dass der Status quo und die "Wirtschaft" geschützt werden müssen.
Was vielleicht neu ist, ist die Angst der größten wahlberechtigten Generation davor, arm zu sein trotz Arbeit — und deren Festhalten an den etablierten Parteien in der Hoffnung, der Status quo sei nicht schon lange aufgelöst, sondern könne noch erhalten werden.
Auch neu ist die Klimakatastrophe, deren Kosten aktuell schon horrend sind, deren Wirkung bereits zu vielen Klimaflüchtlingen führt und die unsere Wirtschaft und Landwirtschaft auf die Probe stellen wird, was evtl. sogar zu Ernährungseingpässen in Europa und explodierenden Lebenshaltungskosten führen wird, was bereits in manchen Ländern der Fall ist, auch ohne extreme Wetterereignisse.
Die technologische Revolution in Form von KI, bei der einerseits die gleichen Regeln gelten wie bei allen anderen industriellen und technologischen Revolutionen, die aber mehr einzigartige Faktoren und noch mehr Kapitalverteilung bedeutet als die anderen zuvor.
Die asozialen Medien, die das Tempo der (Miss-)Informationsverbreitung und die Bildung von sozialen Silos verstärken und die nach oben wichtigen/von ihnen abhängigen Gesellschaften spalten.
Und die Kapitalstärke und Vernetzung der Ultrareichen, die noch nie so groß war wie heute, sind auch neue Faktoren, die wir 1933 nicht hatten oder erkannten.
Andererseits hatten wir auch keinen Zweiten Weltkrieg und keinen Holocaust, aus dem wir lernen konnten, und kein vereintes Europa (Spaltung und Interessenkonflikte basierend auf Lobbyismus seien jetzt mal ignoriert).
Ich bin jetzt doch sehr ins Fluchen und schriftliches Venten gekommen. Aber wenn ich das so lese, verstehe ich durchaus, wieso jedes Mal ein Damm bricht, wenn diese Themen angeschnitten werden. Teile dieser Sorgen sind sehr groß und gleichzeitig so abstrakt, dass ich sie nicht wirklich verstehen und analysieren kann, ohne viel Zeit in die Unterthemen zu investieren, und diese offene Schleife ist sicherlich ein wunder Punkt, der mein ADHS-Hirn, das auf diese Fahrten ansetzt, immer wieder auf Hochtouren bringt.
Gleichzeitig verstehe ich auch das Gefühl der Verbitterung, das ich meinen Lieben gegenüber empfinde, wenn sie aus subjektiver Überzeugung etwas wählen, was ihnen sicher erscheint, und sich von den Themen überrollt fühlen und eine einfache Lösung für diese Probleme wollen. In dem Strudel oben fehlt die relativ schwache Zukunftsperspektive der deutschen Auto- und Chemieindustrie, geschwächt durch die Probleme mit Trump in den USA und ein nach Corona wieder erstarktes China mit BRICS, das ebenfalls wieder an Fahrt aufnimmt. Da sind gewaltige globale Veränderungen, die nicht mal eben so abgehakt werden können. Wenn ich die Themen nicht sein lassen kann, werde ich Maße finden müssen, dazu was genau ich darüber wissen will und wann ich damit zufrieden bin. Oder weiter trainieren müssen, es auszuhalten. Die anstehende Wahl steht nicht vor der Tür, aber die Wahlkampfstimmung in den Medien und unter den Menschen ist schon etwas spürbar. Mein ADHS mit den eingleisigen Gedanken könnte ich evtl. noch in die Schranken weisen, wenn ich wenigstens darauf vertrauen könnte, dass mein soziales Umfeld mit mir einer Meinung ist. Ich befürchte, ich werde mir wichtige Menschen verlieren, wenn ich Ernst mache mit meinen Vorsätzen. Zum Glück kann ich dies in der Klinik noch klären. Die Menge an AfD-, CDU-, SPD- und FDP-Wählern in meiner Umgebung entspricht leider doch dem Bundesschnitt/Spiegel.
Ich muss lernen zu differenzieren, wann diese Gespräche angebracht sind und wann nicht, wann sie mich weiterbringen und dem Umfeld nutzen oder eben nur Unmut generieren. Das ist vertretbar und zumutbar für mich. Gleichzeitig kann ich dieses Thema/diese Themen nicht ignorieren. Ein zu großer Teil meiner Psyche sieht es als singulär wichtiges und sehr dringendes Problem. Entweder ich arbeite an meinen Glaubenssätzen und meiner Wahrnehmung/Bewertung, dass kein Leben bedroht wird durch die politische Apartheid/Ignoranz der Menschen in meiner Umgebung (hab die starken Worte drin gelassen, obwohl ich mich davon eigentlich distanzieren möchte, aber es zeigt mir, wie radikal mein Denken dahingehend geworden ist), oder ich schaffe es, mich davon zu überzeugen, dass selbst wenn diese Menschen ein autoritäres Regime nicht aktiv verhindern wollen und große Teile der Gesellschaft in Deutschland dies nicht als Problem ansehen, Deutschland weiter so ähnlich funktionieren wird wie bisher. Das bringt mich zum zweiten Teil des Problems.
Ich habe Angst, dass ich in dem Deutschland, das bisher existiert, ein absolut nutzloses Wesen bin. Das stimmt so nicht, da ich einen Beruf ausübe und aktiv nach Möglichkeiten suche, mich einzubringen, aber die Angst sitzt tief, und die Abwertung der sozialen, „niedrig bezahlten“ Berufe sitzt tief in mir. Sowie die Perspektivlosigkeit meiner aktuellen Qualifikationen und Fähigkeiten. Ich weiß, dass das nicht so bleiben muss und ich da wahrscheinlich zu hart mit mir ins Gericht gehe. Aber wenn ich mein ADHS und die Sicht in den Griff kriege, muss ich mich trotzdem noch karrieretechnisch neu orientieren in einer Zeit, die unsicherer ist als noch vor 19 Jahren, als ich das letzte Mal die Chance dazu hatte. Diesmal hab ich natürlich mehr Erfahrung, aber auch weniger offensichtliche Chancen und auch weniger Raum für Fehler. Da ist wahrscheinlich auch, wieso ein Teil von mir sich so sehr nach Sicherheit und Orientierung sehnt und den Mangel davon in der Politik und den Werten in meiner Umgebung aktiv sucht und leider vermisst.
Ich hab jetzt sehr lange geschrieben, es wird spät. Ich werde erstmal eins nach dem anderen machen und diesen Wust an schriftlichem Durchfall sortieren und in (therapeutisch) thematisch sinnvolle Blöcke einteilen, die ich abarbeiten kann. So steigere ich mich nur hinein und wiederhole mich. Angesichts der Tatsache, dass diese Themen und Gedanken immer in meinem Hinterkopf rumschwirren, weil es offene Probleme sind, verstehe ich meinen täglichen Suchtdruck zuhause wesentlich besser, insbesondere in Kombination mit dem relativ schlechten Selbstbild und Konflikten auf der Arbeit.
Ich hab die Werkzeuge und bin jetzt bewusster und reflektierter als noch 2 Wochen zuvor. Es ist aber zu sortieren, was davon echte Emotionen und Probleme sind und was davon ich aus Angst aufblähe.
Falls du bis hierhin gelesen hast: vielen Dank. Und ich würde mich sehr über einen Kommentar freuen, sofern du dir die Zeit und Energie dafür nehmen möchtest.
LG und gute Nacht / guten Tag