averagesingularity

: ((SA 04.07.2026 Abends | 37. Woche | 0.Tag

Mir fehlen die Worte.

Ich werde zu der Version von mir zurückfallen, die ich eigentlich hinter mir lassen wollte. Eine Version, aus der ich herauswachsen wollte. Ich wusste genau, was in dieser Situation falsch wäre. Ich hatte auch eine grobe Idee, was das Richtige wäre. Doch das Richtige war zu abstrakt, vielleicht auch zu ungewohnt. Auf jeden Fall habe ich mich nicht genug darauf vorbereitet und nicht konsequent genug gehandelt.

Deshalb die Rückfälle der letzten Tage. Bis hin zum Pornografiekonsum, den ich bisher abgelegt hatte. Immerhin habe ich gemerkt, dass mir Pornografie und die „echten“ Pornoseiten kaum noch etwas geben. Ich habe nach neuen Seiten gesucht, die ich noch nicht geblockt hatte (ja, sie würden direkt nach dem Rückfall von mir geblockt werden), aber die Tatsache, dass ich überhaupt danach gesucht habe und es in Erwägung gezogen habe, zeigt, wie weit ich mich von meiner Idee eines abstinenten Lebens entfernt habe. Ich und meine Sichtweise nutzen die Trauer teilweise als Ausrede, teilweise sogar als aktive Nahrung für den Konsum. Ich weiß, dass ich trauere. Ich weiß teilweise auch, was ich tun könnte, um dem Gefühl Raum zu geben. Aber Konsum und Stimulation sind so viel einfacher, so viel leichter und zugänglicher. Es wird natürlich lächerlich, wenn mein abstinentes Ich Blocker eingerichtet hat und ich dann nach Ideen und Methoden suche, diese zu umgehen. Noch lächerlicher wird es, wenn ich bemerke, was ich tue, und statt mich bei jemandem zu melden, trotzdem weitermache und mir den Abstinenzbruch erlaube. Ein Teil von mir sieht das als Verrat an mir selbst und allem, was in meinem Leben gut ist. Der andere Teil kann und will sich gerade kein anderes Leben vorstellen.

Ich fühle mich so schwach und unsicher – wobei ich das kaum fühle, denn um davor wegzurennen, konsumiere ich ja.

Ich sehe 1000 Trigger am Tag, die mich vorher kalt gelassen haben. Jetzt stoßen sie das Fantasie-Karussell an, und ich erlaube es ihnen. Meine Ampel ist ein Scherz, und ich habe sie schon fast vergessen. Daran halte ich mich kaum. Offensichtlich konsumiere ich kaum noch „gelb“, weil ich zu oft auf „rot“ zugreife. Ich bin ein Witz. Ich kann mich selbst kaum ernst nehmen, so widersprüchlich verhalte ich mich. Ich weiß genau, dass Konsum und Suchtverhalten – Pornografie, erotisches Schreiben, Computerspiele, Hörbücher, Fantasy – mir schaden. Doch ohne erscheint mir das Leben zu schwer. Gern hätte ich geschrieben: „nicht lebenswert“ – doch das stimmt nicht. Nein. Es ist schön, das Leben. Aber ich kann mir gerade nicht vorstellen, morgen abstinent zu bleiben. Zu einfach ist es, eine neue Seite zu finden, die ich dann erst im Nachhinein meinem Blocker hinzufüge. Und die Suche nach der Lücke ist das eigentliche Problem. Denn ich glaube, es gäbe keine bessere Alternative. Obwohl langfristig fast alles, was ich bereits in der Reha und der Ergo ausprobiert habe, besser wäre. Aber kurzfristig, im Moment, gibt mir nichts Erleichterung – sondern nur Schmerz und Überforderung. Ein einziges Mal reicht nicht. Ein Vergleich mit anderen und dem, was hätte sein können.

Ich weiß, dass das alles toxisch ist, und ich will es nicht füttern. Doch der Versuch, es nicht zu füttern, führt zu Anstrengung und Erschöpfung – und das führt früher oder später zu mehr Suchtdruck. Ich drehe mich im Kreis.

Was ich vor allem brauche, ist Abstand und Zeit. Ich weiß, dass ich ohne nicht kann und ohne nicht werden kann. Aber ich muss mir wieder den Raum schaffen, um ohne auszukommen – sowohl den physischen als auch den psychischen Raum. Ich weiß zwar nicht, wie langfristige Abstinenz aussieht, aber kurzfristig hat es in der Reha geklappt. Und diese Erfahrung weiß ich und darf ich nicht vergessen.

Meine Gedanken rasen durch meinen Schädel, während ich versuche, meinem Gegenüber ehrlich zu sein und nicht zu konsumieren. Ich nehme das hier immerhin als Sieg.

Ich habe heute zum ersten Mal seit langem meine Abendroutine halb durchgeführt: ohne Stimulation am Abend – ohne Musik oder Hörbuch etc. Das war sehr unangenehm, weil es mir einfach sehr schlecht geht. Aber nur so kann es mir besser gehen. Wenn ich es akzeptiere und damit arbeite.

Heute habe ich zumindest wieder angefangen, etwas zu meinen Gefühlen zu stehen und sie anzunehmen, statt sie wegzukonsumieren und mich zu betäuben.

Ab morgen kehre ich wieder zum alten Blog-Format zurück – mit To-dos, damit ich mich wieder mehr strukturieren und meine hilfreichen Routinen wieder stärken kann.

Komme was wolle: Morgen werde ich:

  1. Meine komplette Morgenroutine Schritt für Schritt durchführen (mit Vlog und Qi Gong etc.).

  2. Ein Telefonat mit meiner Freundin führen, um nochmal Klartext zu reden. Ich bin nicht zufrieden damit, wie ich mich gerade verhalte, und ich will das weder verstecken noch schönreden.

  3. Die nächste Woche planen.

  4. Mir die Ampel vergegenwärtigen und aufschreiben, warum die Dinge dort stehen, wo sie stehen.

  5. Abends mit der Selbsthilfegruppe reden.

  6. Vorkochen.

  7. Waschen.

  8. Die Abendroutine komplett durchführen.

Ja, es ist viel, aber es braucht jetzt massive Aktivität und Impulse, sonst komme ich nicht raus aus diesem selbst gegrabenen Loch.

Danke fürs lesen und einen schönen Sonntag