averagesingularity

: ) DO 25.06.2026 Abends | 36. Woche | 0.Tag

Heute war ein wirklich langer und produktiver Tag. Mein innerer gesunder Erwachsener fühlt sich dazu berufen, zu betonen dass ich dies wieder einmal nur anhand meiner Leistung im Rahmen meiner Arbeit sehe. Gleichzeitig habe ich heute nicht allzu viel außer Arbeit getan. Wichtig wäre es mir, dieses Gefühl und diese Perspektive auch in meinem Privatleben zu erhalten. Dafür ist dieser Text (unter anderem) da.

Wie also bin ich heute Abend so zufrieden mit mir und habe noch die Energie, abends diesen Text zu schreiben? Gute Frage. Nächste Frage: Nein, quatsch, ich habe da so ein paar Hypothesen.

  1. Ich habe seit Langem mal wieder das Gefühl gehabt, ansatzweise ausgeschlafen zu sein. Das war die letzten Tage kaum der Fall, da ich entweder nicht genug Zeit zum Schlafen hatte (aufgrund unrealistischer Planung und schlechter Entscheidungen) und andererseits wegen schlechter Schlafhygiene/-qualität. Ich hätte sicherlich schon früher damit anfangen können, trotz der Hitze genug Erholung zu bekommen, oder andere Dinge (Freizeitaktivitäten/Rückfälle) runterzuregulieren, im Sinne der Selbstfürsorge und Erholung. → Guter Schlaf kommt auf die Liste der Dinge, die mich die Sucht kostet und die ein abstinentes Leben mir bringt.

  2. Ich habe jetzt wieder ein paar Tage lang morgens meinen Blog geschrieben und aktiv reflektiert, wie es mir geht – bzw. insbesondere, was mich wirklich beschäftigt, und nicht nur „was mich beschäftigen sollte“ in Form von To-Dos. Das heißt, ich gehe etwas aufmerksamer mit mir um und wage es mal vorsichtig, mich als „fürsorglicher“ zu betiteln. Dabei schaffen es viele der Themen, die mich beschäftigen, oft gar nicht erst in die Blog-Einträge, weil ich mir oft nicht genug Zeit nehme. Aber die Bereitschaft, zu reflektieren, ist definitiv wieder gestiegen. → Ich weiß zwar, dass die Blog-Einträge für mich wichtig sind, doch emotional empfinde ich sie immer wieder als zu abstrakt und messen ihnen nicht die Bedeutung zu, die sie verdienen – als wichtiger Anker, der mich reguliert und mir Zeit und Struktur gibt, besser durch den Tag zu kommen. Die To-Dos und das Sucht-Tagebuch tun dies auch, aber die Qualität ist eine andere. Emotionaler und der freie Fluss der geschriebenen Gedanken sind enorm wichtig.

  3. Ich hatte heute eine neue Herausforderung, die mir wichtig und stimulierend erschien. Ich habe heute das erste Mal alleine den Tagesabschluss gemacht bzw. den Tag betreut. Das heißt, von ca. 15 Uhr bis 22:00 Uhr war ich größtenteils für die Themen am Arbeitsplatz verantwortlich. Das fand mein ADHS-Gehirn wahrscheinlich sehr toll, weil alles viel wichtiger und dringender erschien und mich dauerhaft stimuliert hat. Gleichzeitig habe ich mir dennoch auch kleine Pausen eingebaut, Grenzen gesetzt und diese kommuniziert – sowohl den Vorgesetzten als auch den Kollegen oder mir gegenüber. Ich habe definitiv noch viel zu lernen, in dieser Hinsicht. Aber wie ich diesen Tag „so ernst genommen habe“, war einfach „alles“ von mir an Bord. Immer wieder. Ich war im Flow, was sich hormonell und kognitiv sehr gut angefühlt hat.

  4. Ich habe heute Abend ein Tagesprotokoll für den Tag selbst geschrieben und habe gemerkt, wie sehr mich das bereits ins Schreiben gebracht hat und die Anfangshürde vom Schreiben am Abend genommen hat. → Ich merke mir ab jetzt: Es ist wichtig, rechtzeitig – zumindest damit anzufangen zu schreiben, egal wie viel „Stimmung und Energie“ ich habe. Gleichzeitig ist es wichtig, die reflektierende Art beizubehalten und mir selbst gegenüber ehrlich Rechenschaft abzulegen, aber ohne Vollständigkeitsanspruch oder destruktiven Perfektionismus. Mir ist selbst nach dem Abschicken der Mail aufgefallen, was ich noch hätte einbringen oder umformulieren können. Das ist okay, aber nicht langfristig sinnvoll/gesund.

  5. Ich habe mir den Tag heute besonders gut strukturiert und mich immer wieder auf die Struktur bezogen. Es gab zwar viele Störfaktoren und Unterbrechungen, geschweige denn von Änderungen und Additionen zu der Struktur. Aber mein Versuch, mich zu strukturieren und zu organisieren, war durch den ganzen Tag hinweg ein zentrales Bestreben, weil ich gemerkt habe, dass ich es brauche. → Dieses Bestreben habe ich in der Theorie auch in meinem privaten Alltag, aber ich bin mir dessen bei Weitem nicht so sehr bewusst und setze auch nicht annähernd so bewusst Grenzen, um diese Struktur zu erhalten. Ich gebe mir auch nicht immer den Raum, meine Prioritäten situativ umzubewerten, aufgrund neuer Informationen bzw. diese Informationen neu zu gewichten und festzuhalten. Das sind alles Dinge, die ich bereits umsetze, aber die noch weit von einem guten, praktikablen Alltagszustand sind. Daher ist der Prioritätenplan ja auch so wichtig für mich.

  6. Ich hatte heute Vormittag vermehrt mit Suchtdruck und einem Rückfall zu kämpfen, habe mich aber dagegen entschieden, diesen zu verteufeln und mich davon zu distanzieren. Stattdessen habe ich ehrlich, offen und mir selbst gegenüber darüber nachgedacht, wie es mir geht, was passiert ist und was realistisch ist. Mein innerer Kritiker würde jetzt gerne hinzufügen, dass ich „mir zu lange Zeit gelassen habe“ oder dass ich zu viele Grenzen getestet habe, auch dass ich mit niemandem darüber geredet habe und dass ich „nicht genug gemacht habe“ und nicht „hart genug gegen mich selbst vorgegangen bin“. Aber ich habe letzten Endes die Kontrolle über meine Zeit, Prioritäten und To-Dos am Vormittag behalten und alles Wichtige erledigt, was ich mir vorgenommen hatte. → Ich reflektiere zwar wesentlich mehr seit der Klinik, tappe aber immer noch in die Falle, nach dem „optimalen“ Weg zu suchen oder danach zu handeln, was ich für „richtig“ halte. Davon ist zu wenig Achtsamkeit meinen Emotionen und meiner gefühlten Realität gegenüber und zu viel kognitive Analyse. Ich habe mich heute mehrmals beim Öffnen des Laptops ertappt und dem Gedanken an einen Rückfall und wie leicht es wäre, sowie beide: Scham, wie lange ich schon wieder „hin und her eiere“, oder dass ich Leute nicht schnell genug antworte oder dass ich in meinem Leben seit der Reha noch nicht wirklich viel erreicht habe. Alles verständliche Gedanken, aber alles nicht wirklich konstruktiv. Zu viel Suche nach Fehlern und Schwächen und zu wenig „Akzeptanz“ und konstruktive Arbeit damit. Das heißt jetzt nicht, dass ich die Abstinenz aufgeben und mir jetzt täglich Rückfälle und Ausnahmen für meine Regeln erlaube. Im Gegenteil: Ich bin noch mehr dafür, die Regeln, die ich mir gesetzt habe, ernst zu nehmen, weil ich sehe, wie viel sie mir bringen und was ich durch sie gewinne (z. B. Schlaf). Gleichzeitig will ich jedoch meine Regeln hinterfragen und nach dem tieferen Sinn dahinter suchen, weil meine Regeln oft doch wirklich zu hart sind und nicht den Spielraum lassen, den ein gesunder, achtsamer Erwachsener braucht, um im Alltag zurechtzukommen. Ich weiß, dass ich diese Regeln einerseits brauche, um mich sicher zu fühlen, andererseits mich dadurch aber auch verunsichere und zu hart bestrafe und meine eigenen Leidensdruck und meine Probleme noch verstärke. Im Endeffekt geht es bei der Abstinenz darum, zu lernen, gut und fürsorglich mit einem selbst umzugehen und nicht ständig etwas zu verwehren. Es ist ein kleiner, aber sehr feiner Unterschied, den ich noch immer nicht ganz begreife und verinnerliche. Vor allem will ich meine eigenen Emotionen und Bedürfnisse oft immer noch zu wenig wahrnehmen und validieren. Doch es wird besser. Stück für Stück.

  7. Eine enorme Überraschung für mich war, dass der Vorgesetzte, mit dem ich eine eher angespannte Beziehung pflege, sich heute von einer anderen Seite gezeigt hat und tatsächlich gesagt hat, dass es „okay wäre“, ein paar Dinge nicht fertig zu bekommen etc. Ich bin sehr überrascht davon gewesen, gehe aber davon aus, dass mir dies wahrscheinlich viel mehr inneren Rückhalt gegeben hat, als ich bewusst wahrgenommen habe. Ich werde sehen, ob er das ernst gemeint hat, je nachdem, wie er morgen auf meinen Bericht reagiert (bzw. am Sonntag, da ich Freitag und Samstag frei habe).

  8. Ich hatte heute sehr viel Glück mit meinen Kolleg:innen. Ja, es waren wenige, und wir waren heute durchgehend knapp bzw. unterbesetzt, aber es gab auch wenig zu tun, und alle Kollegen, die da waren, waren verlässlich (zumindest in meinen Augen). Ja, es sind Fehler passiert, die aber korrigiert wurden bzw. die ich im Bericht adressiert und zu denen ich Lösungsvorschläge gemacht habe. → Ich bin sehr dankbar für die Menschen, mit denen ich heute den Tag verbringen durfte, und deren Vertrauen sowie deren Art. Solche Beziehungen und Interaktionen zu schätzen, zu pflegen und zu kultivieren, ist für mich enorm wichtig. Ich unterschätze auch oft den Umfang an sozialen Interaktionen an meinen freien Tagen, insbesondere den Mangel bewusst von mir herbeigeführter Interaktionen. Oft lasse ich meine Gegenüber die Interaktionen gestalten und herbeiführen und bin da sehr passiv, was durchaus die Schwelle niedriger macht, sich davon überfordert zu fühlen oder die Interaktion nicht bewusst wahrzunehmen.

Es gibt noch ein paar Punkte, die etwas mit den kommenden Tagen zu tun haben, auf die ich mich freue, und die Tatsache, dass ich insgesamt immer wieder signalisiert bekomme, dass meine Beziehungen mit Menschen sicher und stabil sind, trotz meiner Schwächen und meines Versagens. Dafür bin ich unglaublich dankbar, und es fehlen mir die Worte, es genau zu beschreiben. Deshalb einfach nur: Danke.

Danke fürs Lesen und einen guten Start in den Tag.