Der gestrige Tag fing wunderbar an und endete in einem persönlichen Tiefpunkt. Morgens habe ich spontan beim Aufbau eines Wagens für den Christopher Street Day in Berlin mitgeholfen, organisiert durch Rotaract Deutschland. Es war spannend, mal physisch mitanzupacken und zu lernen, wie die Traversen aufgebaut und gesteckt werden. Danach durfte ich mich um meine Nichten kümmern, was viel Spaß gemacht hat – gleichzeitig aber auch gezeigt hat, dass ich in der Kommunikation mit Kindern noch zu sehr erwachsen bin und zu viel erkläre. Am Nachmittag folgte ein spontanes, von meiner Mutter initiiertes Gespräch mit dem Sohn einer Nachbarin über Zukunfts- und Karriereperspektiven im Kino. Auch das war bereichernd, kostete aber weitere Energie. Abends auf der Arbeit kam es dann zu den schlimmsten Juckreiz-Anfällen, die ich seit drei Wochen hatte. Daraus entstand eine Überforderung, die schließlich zum Wegbrechen meiner Willenskraft führte – ich traf eine langfristig ungesunde Entscheidung, holte mir den Laptop meiner Mutter und rutschte in einen Rückfall hinein, den ich als Konsum von Medien und Pornografie bezeichne. Heute Morgen fühle ich mich besser und nehme mir bewusst Zeit, um langsamer in den Tag zu kommen.
Chronologischer Ablauf Ich bin gegen 7 Uhr aufgewacht und um 8:30 Uhr abgeholt worden, um beim Traversen-Aufbau für den CSD zu helfen. Schon während des Aufbaus hatte ich einen kurzen, zwei- bis dreiminütigen Juckreiz-Schub im Bereich 2 bis 3 auf meiner Skala – das ist die Art Juckreiz, die bei sportlicher Betätigung oder Schwitzen auftritt, die ich kenne und die erträglich ist, weil ich weiß, dass sie vorbeigeht. Der Aufbau dauerte bis gegen 13:15 Uhr. Danach bin ich zurück in die Wohnung gefahren und wollte eigentlich erst duschen, bevor es weitergeht. Beim Duschen habe ich allerdings das Zeitgefühl verloren, was dazu führte, dass ich zum Babysitten eine Viertelstunde zu spät kam. Ich war zwar schon um 13:55 Uhr bei meiner Mutter, aber ich hatte nicht mehr auf die Uhr geschaut. Das Babysitten war für 14 Uhr angesetzt, und ich hätte nach meinem eigenen Anspruch eigentlich schon um fünf vor zwei bereit sein müssen.
Gegen 17:15 Uhr begann das spontane Gespräch mit dem Nachbarssohn über seine Zukunftsperspektiven, das bis etwa 18 Uhr dauerte. Im Nachhinein betrachtet hätte ich dieses Gespräch auf einen anderen Tag legen oder ganz ablehnen können, weil es zusätzliche soziale Kapazität gefordert hat. Aber es hat auch Spaß gemacht und es war wichtig. Danach blieben mir zwischen 18:10 und 18:30 Uhr nur zwanzig Minuten, um mich für die Arbeit fertigzumachen und hinzufahren. Die Arbeit begann um 18:30 Uhr und dauerte bis etwa 22:20 Uhr.
Etwa ab 20:00 Uhr traten die schweren Juckreiz-Anfälle auf. Auf dem Heimweg habe ich gelesen und gleichzeitig den Gedanken zugelassen, den Laptop meiner Mutter abzuholen. Ich wusste, dass das eine schlechte Entscheidung ist, und habe es trotzdem getan. Anstatt Freunde zu kontaktieren – was um 22 Uhr abends durchaus möglich gewesen wäre und vermutlich auf Verständnis gestoßen wäre –, habe ich mich für Konsum und Ablenkung entschieden. Das führte zu einem Rückfall in die Medien- und Pornografiesucht. Gegen 2 Uhr morgens bin ich dann, vollkommen erschöpft, mit einem Hörbuch eingeschlafen.
Physische Symptome und der Juckreiz Der erste Juckreiz-Schub trat schon beim Traversen-Aufbau auf. Er war kurz und im Bereich 2 bis 3 – begleitet durch körperliche Anstrengung und Schwitzen, vertraut und erträglich. Der weitaus schlimmere Anfall kam am Abend auf der Arbeit, etwa ab 20 Uhr. Zuvor hatte ich gegen 18 Uhr das Medikament Prednisolon eingenommen, das Cortison enthält. Vor dem Medikament lag die Intensität bei 6 bis 7 und hatte bereits mindestens zehn Minuten angehalten – der längste Anfall seit Beginn der Symptome vor drei Wochen. Nach dem Medikament fühlte sich die Intensität zunächst niedriger an, bei 5 bis 6, mit gelegentlichen Peaks in den Bereich 7 bis 8. Allerdings hat das Medikament entweder gar nicht geholfen oder die Symptomatik nur abgemildert und dafür enorm in die Länge gezogen. Irgendwann hat meine Willenskraft nachgelassen, ich habe mich unbewusst gekratzt, was den Juckreiz weiter intensiviert hat.
Zum ersten Mal konnte ich den Juckreiz auf der Arbeit nicht verstecken. Es war Abbauzeit, ich habe koordiniert mitgeholfen und konnte mich nicht in einen privaten Raum zurückziehen oder mich kurz abwaschen. Der Juckreiz wurde so stark, dass ich gegen Wände schlagen, etwas festhalten oder mich selbst drücken musste, um andere Reize zu setzen und mich abzulenken. Diese Strategie hat begrenzt funktioniert, hat mich aber auch sichtbar belastet. Ich werde Prednisolon auf keinen Fall wieder verwenden. Morgen früh werde ich zum Vertretungsarzt gehen, da mein Hausarzt diese und nächste Woche im Urlaub ist, und nach Überweisungen fragen, weil der Juckreiz nicht besser wird. Ich gehe weiterhin davon aus, dass Stress ein wesentlicher Faktor ist.
Soziale Interaktionen und Rollenwechsel Beim Traversen-Aufbau war ich im Lernmodus – jemand, der anpackt und Neues ausprobiert. Das war bereichernd und hat Spaß gemacht. Beim Babysitten habe ich gemerkt, dass ich in der Kommunikation mit meinen Nichten noch zu erklärungsgetrieben bin, anstatt einfach präsent zu sein und ihre Welt zu teilen. Das Gespräch mit dem Nachbarssohn hat mich in eine Beraterrolle gebracht, in der ich schnell gemerkt habe, dass er größere Themen bewegen als nur einen Ferienjob. Auf der Arbeit gab es ein schlechtes Gewissen wegen eines Missverständnisses um meine Abwesenheit – ich hatte Bescheid gegeben, aber niemand hatte es im Schichtplan vermerkt. Meine Kollegen waren jedoch sehr entspannt damit, was mir geholfen hat, das Guilt-Gefühl loszulassen. Abends auf dem Heimweg und zu Hause war ich dann allein mit dem Juckreiz und der Überforderung, und anstatt sozialen Kontakt zu suchen, habe ich isoliert und konsumiert.
Überforderung und Abendroutine Nach Feierabend wollte ich einfach nur konsumieren und mich ablenken. Ich wusste, dass das nur bedingt helfen würde, aber ich wollte aus meinem Körper raus. Es hat gefühlt nichts geholfen. Ich hätte zu Hause duschen können, was ich nicht getan habe. Stattdessen habe ich den Laptop meiner Mutter geholt und mich weggemacht. Dabei habe ich erst Fantasy geschrieben, bin dann aber in Richtung Pornografie abgedriftet – um ehrlich zu sein war die Erotik von Anfang an im Raum, als ich den Laptop abgeholt habe. Ich wusste, dass ich das auf keinen Fall machen sollte, aber ich wollte um diese Uhrzeit niemanden stören und auch nicht noch einmal den Satz hören: „Wie kann ich dir denn helfen?" – ein Satz, der abends von Leuten, die ich mag, auf der Arbeit oft gefragt wird, wenn ich einfach nicht mehr weiterweiß. Arbeiten hat nicht geholfen, mich abzulenken. Schmerzen bedingt zu kontrollieren hat teilweise geholfen, aber ich wollte einfach, dass es aufhört. Ich hätte Freunde anrufen können, und ich bin mir im Nachhinein sicher, dass jeder verstanden hätte. Um 22 Uhr waren viele noch erreichbar gewesen. Aber ich wollte nicht.
Reflexion und Erkenntnisse Gestern war ein persönlicher Tiefpunkt. Es ist nicht nur der Stress, es ist nicht nur die Arbeit, es sind die sozialen Aktivitäten – es ist die Kombination daraus und mein offensichtlich ungenügender Umgang damit, gepaart mit einem Mangel an Achtsamkeit gegenüber den Schwellen, die ich überschreite. Zwischen dem Helfen beim Traversen-Aufbau und dem Babysitten hatte ich eine Pause eingeplant, die nicht lange genug war. Danach kam ich zu spät zum Babysitten. Ich habe mir den ganzen Tag über verplant und übernommen – mit nichts Großem, aber mit vielen kleinen Sachen, die sich addiert haben. Wobei ich ehrlicherweise sagen muss, dass der Traversen-Aufbau und das Babysitten vielleicht doch große Sachen sind, die ich subjektiv gerne nicht als solche wahrgenommen habe, weil sie mir wichtig waren. Ich habe mir währenddessen und danach definitiv nicht genug Zeit genommen, um herunterzuschalten, zu reflektieren und bei mir anzukommen.
Plan für heute und nächste Schritte Heute Vormittag nehme ich mir langsam Zeit: ein bisschen aufräumen, dann einen ruhigen Tag auf der Arbeit verbringen, wo ich mich nicht stressen lasse. Vor dem Aufräumen schreibe ich noch mein Rückfallprotokoll und überlege, wie und was ich in der nächsten Zeit ändern kann. Morgen früh gehe ich zum Vertretungsarzt und frage nach Überweisungen, weil der Juckreiz nicht besser wird. Prednisolon werde ich auf keinen Fall noch einmal anfassen. Langfristig muss ich lernen, meine Grenzen früher zu erkennen, Pausen tatsächlich als Pausen zu nutzen und abends nicht in Isolation und Konsum zu fliechten, sondern Kontaktpersonen einzubeziehen, auch wenn es schwerfällt.