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: ) MI 01.06.2026 Morgens | 37. Woche | 2.Tag

Gestern bin ich nach der Arbeit völlig erschöpft nach Hause gekommen und direkt eingeschlafen. Die lange Hitzewelle ist zwar vorbei, aber die Wohnung ist immer noch heiß, und das zehrt an meinen Kräften. Über den Tag hinweg habe ich über meine Ressourcen hinaus gearbeitet und zu wenig auf mich geachtet. Immerhin hatte ich genug Wecker gestellt, um heute pünktlich bei der Therapie zu sein. Dort hatte ich mein Erstgespräch bei meinem neuen – hoffentlich – Therapeuten. Die Unsicherheit kommt daher, dass ich bereits 80 ambulante Therapiestunden mit meiner vorherigen Therapeutin hatte und nun eine Sperre besteht. Unklar ist, ob ich diese umgehen kann, weil Sucht und ADHS möglicherweise anders bewertet werden als Depression. Für nächste Woche habe ich wieder einen Termin und hoffe auf mehr Klarheit. Egal wie die Abrechnung läuft: Mehr Wissen hilft mir, einzuschätzen, ob und wie ich mir noch Unterstützung holen kann. Das Gespräch selbst und die Vorbereitung darauf haben mir geholfen. Ich bin aus dem Überlebensmodus herausgekommen und habe mir bewusst gemacht, wo die Kernthemen liegen und wie es aktuell um sie steht. Ich bin gespalten, wenn ich daran denke, wie viel Therapie ich schon hinter mir habe und was sie gebracht hat. Einerseits bin ich trotz aller offenen Baustellen zufriedener mit meinem Alltag und meiner Lebenssituation als je zuvor. Das liegt auch daran, dass ich früher oft gar nicht bewusst wahrgenommen habe, wie es mir eigentlich ging. Andererseits fühle ich mich wie ein Versager, der seine Ressourcen nicht genutzt hat. Realistisch betrachtet war ich damals aber auch nicht in der Lage, das zu tun. Viele Probleme sind organisch gewachsen, und mir fehlte schlicht das Bewusstsein, sie anzugehen. Die meisten Fortschritte kamen mit der ADHS-Diagnose und Medikinet. Das hat mir endlich die Mittel gegeben, Theoretisches teilweise umzusetzen. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass ich aktuell wieder viel von dieser Wachsamkeit und Achtsamkeit verliere, die über das tägliche Funktionieren hinausgeht. Die Reha hat gezeigt, dass ich mir so etwas aufbauen kann – und ich arbeite daran. Aber es dauert. Die vielen Baustellen sind zu viel, um sie parallel zu bearbeiten. Deshalb muss ich mich priorisieren. Doch Prioritäten zu setzen fällt mir extrem schwer. Was ich mir eigentlich wünsche, ist eine funktionale Alltagsstruktur und eine langfristige Orientierung. Kein emotionales Wunschbild, sondern Freiheit von Stress, Unsicherheit und Überforderung – und damit mehr Sicherheit, Selbstvertrauen und Hoffnung. Paradoxerweise glaubt ein Teil von mir immer noch, dass Medienkonsum und Suchtverhalten das herbeiführen können. Dabei sind genau diese Verhaltensmuster das Problem. Prioritäten sind für mich viel zu mehrdimensional. Jeder Versuch, sie einfach zu formulieren, wird abstrakt – und damit nicht alltagstauglich. Wenn ich sie konkret formuliere, wird es unübersichtlich. Ich weiß, dass das ein iterativer Prozess ist. Trotzdem frustriert es mich, und ich habe das Gefühl, alles falsch zu machen. Im Gespräch ist mir klar geworden, dass mein Wochenreview, das ich am Wochenende machen will, zu sehr einem Selbstgespräch im Therapiekontext ähnelt. Es geht darum, offene Baustellen anzusprechen und den Stand zu analysieren. Das sollte aber eigentlich nicht so sein. Es sollte mir helfen, praktische Dinge im Alltag zu regeln. Vielleicht ist es sinnvoll, beides zu trennen. Das könnte mir helfen, mich leichter um den Alltag zu kümmern, ohne dass ich mir extra Zeit für psychische Themen nehmen muss. Meine psychischen Baustellen werden schließlich dadurch genährt, dass ich im Alltag Schwierigkeiten habe und sie nicht in den Griff bekomme. Wenn ich funktional auf den Alltag schaue, habe ich mehr Distanz. Aber ich muss auch bewusst nachfühlen, was der Alltag mit mir macht, um ehrlich zu mir selbst zu sein. Meine Selbstreflexion ist oft nur kritisch und funktional – das bringt nichts, wenn ich überfordert bin. Dann brauche ich ein Timeout und Raum zum Fühlen und Sortieren. Das kritische Mindset, das ich in funktionalen Momenten habe, ist dann eher ein Gegner als ein Verbündeter. Die Lösung: Stück für Stück in kleinen Blöcken arbeiten. Unter der Woche ein bis zwei Zeitslots für emotionale Arbeit einplanen und das Wochenreview blocken. Diese Zeiten sollten heilig sein. Ich merke schon, dass es nicht immer klappt, weil immer etwas dazwischenkommt. Aber es geht um Regelzeiten und Ausweichzeiten. Für den Anfang ist es wichtig, diese Zeiten nicht zu unterbrechen. Der Block zum Schreiben sollte eine solche Alltagszeit sein. Aber mir fehlt dann das Tiefgreifende für langfristige Themen. Dass ich den Block nicht rechtzeitig schaffe, zeigt mir, dass ich meine Prioritäten immer noch nicht richtig lebe. Besonders das rechtzeitige Ins-Bett-Gehen, Aufstehen und die Selbstorganisation im Blog sind Prozesse, die mich langfristig zu einer gesunden Psyche führen sollen. Ich will sie so entwickeln, dass ich sie gerne mache und sie mich unterstützen – und nicht nur als Pflicht sehe. Dennoch sind sie eine Pflicht, denn ohne diese Rahmenbedingungen schaffe ich es nicht, meinen Alltag zu bewältigen. Ich will nicht von einem Tag in den nächsten stolpern und mich dann fragen, wo die Zeit geblieben ist. Die Trigger für Medienkonsum sind ein großes Problem. Ich bin dankbar, dass die Blockaden auf meinem Handy funktionieren. Gleichzeitig schäme ich mich, dass es mir immer noch schwerfällt, um Hilfe zu bitten und Verletzlichkeit zuzugeben. Ein Teil von mir glaubt nicht, dass es etwas Besseres gibt als Suchtverhalten und Ablenkung. Dabei ist klar: Jede Auseinandersetzung mit meinen Problemen ist besser und führt eher zu einer Lösung. Das einzige Problem ist, wenn ich nicht die Energie dafür habe. Aber dann habe ich auch nicht die Energie für Konsum – auch wenn das leichter wäre. Konsum ist keine Entspannung. Konsum ist eine Belastung. Das muss ich mir endlich einprägen. Heute stehen noch drei Gespräche an. Danach geht es an den Haushalt und dann an Erholung und Vorbereitung für Donnerstag, Freitag, Samstag. Vielen Dank fürs Lesen. Heute war das wieder ein längerer Text. Ich hoffe, ihr genießt die etwas kühleren Temperaturen. Ganz liebe Grüße