Der Tag an sich war gut, doch ich bin ungemein frustriert.
Dinge, die heute sehr gut gelaufen sind: Die Gruppentherapie war, wie oft, sehr informativ und hat mir wieder ein paar Anreize gegeben, Dinge zu ändern und andere zu akzeptieren und mich in Geduld zu üben. Das Hauptthema der GT war, was Abstinenz für einen bedeutet, mit dem kleinen Zusatzthema, wie man daran arbeitet, das möglichst lange zu kultivieren. Das Fazit ist wahrscheinlich offensichtlich, doch anscheinend muss ich es immer wieder hören, denn irgendwie verschwindet es aus meinem Kopf.
Abstinenz heißt für mich Selbstfürsorge. Mich gut um mich zu kümmern und achtsam zu bleiben, damit ich meine destruktiven Verhaltensweisen und externe Krisen gesund bewältigen kann und es schaffe, meinen Alltag zu genießen, eine Übersicht darüber zu erhalten, wo es hingeht mit dem Leben und im Alltag, und so gut es geht auf lebenswerte Ziele hinzuarbeiten. Das ist die Übersetzung von: Hey, geh nicht schlecht mit mir um, ich leide darunter, mein Umfeld leidet darunter. Hey, ich möchte besser mit mir umgehen, damit alle Beteiligten weniger leiden oder es ihnen sogar besser geht.
Klinge ich resigniert? Ja. Mache ich trotzdem weiter? Offensichtlich. War ich heute Nachmittag noch dazu eher hoffnungsvoll? Ja. Bin ich es jetzt? Nein. Wieso? Gute Frage. Nächste Frage. Dazu später mehr.
Im Endeffekt formuliere ich meine Abstinenzentscheidung noch einmal neu und mache weiter mit allem, was ich mir hier aufgebaut habe, um mein Leben im Anschluss besser werden zu lassen, als es jetzt ist oder in der Vergangenheit war. Es werden Krisen kommen und dumme Scheiße wird passieren, aber Stück für Stück wird es besser werden, weil ich es will und darauf hinarbeite. Aufgeben ist keine Option.
Eine weitere schöne Sache, die heute passiert ist: Ich war heute zum ersten Mal seit Ewigkeiten bouldern. Es war anstrengend, aber ein Erfolgserlebnis, eine gute körperliche Auslastung und insgesamt sehr wertvoll.
Der anschließende Besuch bei Subway war weniger toll, aber alle anderen wollten und ich hatte nicht wirklich etwas dagegen. Retrospektiv ist dieses relativ gesunde Fast Food vermutlich einer der Gründe, warum ich gerade grummelig bin und gleich schlafen gehe.
Drei wirklich konkrete Sachen sind heute passiert, die an mir nagen. Erstens: Wir haben einen neuen Patienten, um den ich mich explizit nicht kümmern wollte. Es war aber niemand da und ich habe es dann doch getan. Es war völlig in Ordnung, ich habe mich abgegrenzt und mein eigenes Ding gemacht, aber ich habe dennoch Zeit investiert. Wahrscheinlich ärgert mich, dass die Leute, die sich explizit dazu bereit erklärt haben, sich darum zu kümmern, nicht verfügbar waren und ich schon. Ich hätte auch einfach nicht ans Telefon gehen können und es wäre für jemand anders ein Problem gewesen. Wenn ich ehrlich bin, ist es keine klare Option. Es ist okay, so wie es ist. Ich muss mir überlegen, ob ich mich da vielleicht in der Gruppe klarer rausziehe oder ob das einfach nur mein müdes Gehirn ist.
Das mit dem Absetzen der Medikamente wird schwierig, weil die Zeit, die ich hier habe, nicht lang genug ist, um sie abzusetzen und wieder einzusetzen, laut unserem Gruppenarzt. Das widerspricht teilweise dem, was ich im Internet gelesen habe, aber ich habe nicht annähernd genug Ahnung von dem Thema, um die Zusammenhänge wirklich zu verstehen, und vertraue erstmal darauf, dass der Arzt das noch einmal mit der Therapeutin und seinen Kollegen bespricht und dabei etwas Gutes herauskommt. Um ehrlich zu sein, habe ich mittlerweile kein großes Problem mehr damit, das Medikament so weiterzunehmen, weil ich mir ziemlich sicher bin, dass ich die Vorteile kenne und aktiv trainiere, wie ich meine Gewohnheiten aufbaue, um auch ohne das Medikament klarzukommen. Wann ich es versuche abzusetzen, ist im Grunde egal. Ich will jetzt sowieso erstmal die Gewohnheiten einüben, zu reflektieren und gesunde Entscheidungen zu treffen. Frustriert bin ich dennoch.
Abschließend die letzte akute Sache, die mir wirklich auf die Nerven geht, und das ist wahrscheinlich der Kern dieses gesamten Frusts. Ich habe mich heute noch einmal an mein Gedicht zum Thema Sein gesetzt und zwei Strophen geschrieben, die sich nicht wirklich in die anderen einfügen. Dann habe ich versucht, die alten umzuschreiben, damit es besser passt, dann die neuen, hin und her. Ich habe heute noch einmal Stunden investiert und reflektiert, was sich in mir verändert hat und warum das jetzt einen anderen Zugang und andere Worte braucht. Im Endeffekt ist das nicht schlimm. Ich habe die alte Version noch, die mir besser gefällt. Trotzdem fühlt es sich an wie ein persönliches Unvermögen und ein Anstoßen an die eigenen Grenzen, was therapeutisch total wertvoll ist. Aber meine Kritiker sind laut und ich bin stinkig und habe ihnen sehr lange Raum gelassen. Im Endeffekt habe ich einfach geübt. Manchmal kommt bei mir etwas Gutes raus, manchmal etwas weniger Gutes. Die Lektion von heute ist: Wenn etwas weniger Gutes rauskommt, ist das in Ordnung. Dann kann man auch abbrechen und ein andermal weiterarbeiten. Zum Glück gibt es Sicherheitskopien.
Vielen Dank fürs Reden bis hierhin. Ich wünsche einen wunderbaren Abend und hoffe, dass ihr weniger frustriert seid von dem Tag als ich. Insgesamt war der Tag sehr gut, auch wenn ich das gerade überhaupt nicht fühle. Deswegen gehe ich jetzt schlafen und morgen wird ein besserer Tag.