averagesingularity

8.Woche | 53. Tag: Bunter mix

Tl&Dr

  1. Dankbarkeit: Ich bin dankbar dafür, dass ich mich für die Reha entschieden habe. Ich habe viele Fortschritte gemacht, die meine Lebensqualität nachhaltig verbessern. Besonders das Thema Geduld und Akzeptanz für den Prozess reift weiter in mir nach und ich tue, was ich kann, damit es sich setzt und mir lange erhalten bleibt.

  2. Gefühle: Freude, Zufriedenheit, Erschöpfung, stolz, Unsicherheit, Angst.

Tagesablauf

MTT: Heute normaler Kraftsport. Fühlt sich gut an.

Gruppentherapie: Interessant war eine Visualisierung der inneren Modi. In der Übung ging es darum, sich selbst, den gesunden Erwachsenen, die inneren Kritiker und die inneren Kinder in einem Haus vorzustellen. Habe mein Thema mit dem Sein und dem gesunden Erwachsenen dadurch besser verstanden. Ich bin chronisch überfordert davon, was ich als gesunder Erwachsener alles tun soll bzw. muss. Aber der Grundstein ist gelegt und ich übe täglich. Das macht Hoffnung.

Ergotherapie: Wir waren im Wald, haben Achtsamkeitsübungen gemacht und ein paar Spiele gespielt. Hat sich gut angefühlt.

Faszienentspannung: Sehr scherzhaft, sehr entspannend. Ich war auf Wolke sieben, aber es war unangenehm. Werde mir für zuhause eine Rolle besorgen und freue mich schon auf nächste Woche.

Rehabilitandengruppe: Wir haben das Bowlen am Wochenende wegen der Kosten storniert. Wir gehen Samstag wandern, wird auch gut.

Abends: Ein Rehabilitand hat eine sehr miese Mail von der Arbeit bekommen. Ich habe ihm mit Hochanspannungsskills etwas geholfen. War okay, der Abend war ohnehin frei geplant. Ich habe nicht zu viel getan, nur Optionen gegeben und Rücksprache gehalten. Er hat das selbst aufgearbeitet und morgen steht ein Telefonat an. Zur Beruhigung bzw. Belohnung habe ich danach ein Gesellschaftsspiel gespielt und plane, früh ins Bett zu gehen. Heute Abend rede ich noch mit meiner Schwester und treffe eventuell die Weihnachtsentscheidung.


Längere Version (korrigiert, Dopplungen leicht reduziert)

MTT

Bin zufrieden mit der Leistung. Überlege, wie viel ich zuhause davon weitermachen kann. Die Kettlebell nutze ich wenig, aber die Übungen machen Spaß. Ich glaube, dass ich sie zuhause im Kleinen mit weniger Wiederholung anfangen kann. Habe ein bisschen Bange vor der Strecke zum Fitnesscenter in Kreuznach und den Kosten. Möchte aktuell eher zuhause etwas machen. Ist aber keine Priorität.

GT

In der Gruppentherapie hatten wir heute eine Übung, in der wir unsere inneren Modi visualisieren sollten. Das bedeutet vereinfacht gesagt: die verschiedenen inneren Anteile von uns, die in bestimmten Situationen aktiviert werden. Damit sind keine „multiple Persönlichkeiten“ gemeint, sondern emotionale Zustände und automatische Reaktionen, die wir gelernt haben.

Weil das für viele Menschen abstrakt klingt, versuche ich es mit meinen eigenen Worten zu erklären, an meinen Beispielen. Hoffe es hilft.

Innere Kritiker

Das sind die Stimmen in mir, die mir sagen, dass ich etwas schlecht gemacht habe, dass ich mehr leisten muss, dass irgendetwas nicht „gut genug“ ist. Manchmal fühlen sie sich strafend an, manchmal eher fordernd oder drängend. Diese Kritiker haben im Laufe meines Lebens eine Funktion übernommen: Sie versuchen, mich zu schützen, indem sie mich „antreiben“, besser zu funktionieren. Der Schutz ist aber alt und oft unpassend geworden.

Innere Kinder

Das sind die emotionalen Impulse und Bedürfnisse in mir. Also Freude, Traurigkeit, Verletzbarkeit, Trotz, Wut, Einsamkeit oder auch das Bedürfnis nach Nähe, Spaß und Entlastung. Sie sind oft sehr ehrlich und direkt, aber auch sensibel und schnell überfordert, besonders wenn viel Druck entsteht.

Der gesunde Erwachsene

Das ist der Teil in mir, der reflektieren kann, Entscheidungen trifft, Situationen einordnet und Grenzen setzt. Er kann die Bedürfnisse der Kinder wahrnehmen und gleichzeitig mit den Anforderungen der Kritiker umgehen. Dieser Anteil ist kein „perfekter Erwachsener“, sondern eher ein innerer Coach, der vernünftig handeln kann, ohne hart zu sich zu sein.

Bewältigungsmodi

Das sind die Strategien, die ich im Laufe meines Lebens entwickelt habe, um Stress zu vermeiden oder auszuhalten. Beispielsweise Ablenkung, Rückzug, Überanpassung oder in meinem Fall eben auch Suchtdruck oder Suchtverhalten. Diese Strategien haben früher geholfen, im Alltag zu überleben, können aber heute langfristig Probleme verursachen.

Die Übung: mein Inneres als Haus

Wir sollten uns vorstellen, dass unser Inneres ein Haus ist. Die Aufgabe war, herauszufinden:

Wo im Raum die Kritiker stehen

Wo die Kinder sind

Wo der gesunde Erwachsene seinen Platz hat

Wie sie miteinander umgehen und wie nah sie sich kommen

Das Ziel ist, sich bewusster zu machen, wie diese Anteile im Alltag aktiv sind und wie man sie besser regulieren kann.

Wie mein Haus aussieht:

Mein Haus besteht im Moment aus vier nackten Wänden. Keine Türen, keine Stockwerke, keine Rückzugsorte. Alles befindet sich in einem einzigen Raum.

Die Kritiker stehen in einer Ecke und schauen den Erwachsenen an. Sie haben die Kinder weitgehend in Ruhe gelassen, aber dafür richten sie ihren Druck jetzt auf mich als gesunden Erwachsenen. Sie bestehen darauf, dass ich mehr leisten soll, besser sein soll, schneller arbeiten soll. Sie haben nicht begriffen, dass ich gerade lerne und nicht alles gleichzeitig kann.

Die Kinder stehen in der anderen Ecke des Raumes. Sie haben die Gesichter weggedreht. Nicht aus Trotz, sondern weil sie überfordert sind. Zu viel Druck, zu wenig Ruhe, zu wenig Versorgung. Sie scheinen zu warten, dass ich irgendwann zu ihnen komme, aber sie glauben nicht so recht daran.

Der gesunde Erwachsene steht in der Mitte. Er versucht, alles zusammenzuhalten. Er versucht, die Kinder zu beruhigen, die Kritiker zu regulieren, das Haus nicht auseinanderfallen zu lassen. Aber er ist überfordert, weil er gleichzeitig versucht, „alles richtig“ zu machen.

Was es für mich bedeutet:

Dieses Bild hat mir gezeigt, warum ich im Alltag manchmal so überfordert bin, selbst von einfachen Entscheidungen. Der gesunde Erwachsene hat keine Chance, gut zu arbeiten, wenn er:

keinen Rückzugsraum hat

gleichzeitig Druck abbekommt

gleichzeitig Kinderanteile versorgen soll

gleichzeitig alles regulieren will

Dass die Sucht weggefallen ist, macht das Ganze intensiver. Früher war die Sucht wie ein extra Raum, in den ich mich flüchten konnte. Jetzt sind alle Anteile auf engem Raum, und ich stehe in der Mitte und muss alles aushalten und regulieren.

Das ist anstrengend, aber die Übung hat mich auch optimistisch gestimmt. Ich habe verstanden, was für Strukturen ich eigentlich brauche: Räume, Grenzen, Zeit, Geduld und die Fähigkeit, nicht ständig „perfekt gesunder Erwachsener“ sein zu müssen.

Ergo

Wir haben 15 klassische Wahrnehmungsübungen im Wald gemacht, dann Übungen mit Visualisierung und Interpretation. Heute war es etwas mehr Hands-on mit Spielen und Gruppeninteraktion. Das soll Lustbarkeit, Kontakt und Spaß ermöglichen und gleichzeitig Abstimmung fördern. Außerdem sind wir eine Art Versuchskaninchen für neue Konzepte, was für uns gut ist, weil die Achtsamkeitsarbeit draußen sehr wertvoll ist.

Faszienentspannung

Faszienrolle und Ball, viel Druck mit Körpergewicht auf die Matte. Sehr unangenehm, aber danach extrem entspannend. Die Seiten der Oberschenkel waren furchtbar schmerzhaft. Man hörte in einem Raum mit zwölf Erwachsenen nur Stöhnen. Danach echte Entspannung. Ich werde morgen Muskelkater haben, aber es war wertvoll.

Rehabilitandensache

War anstrengend, aber ich habe mich gut abgegrenzt und es kontrolliert gehalten. Morgen bin ich noch als emotionaler Support beim Anruf dabei. Für mich ist es eine Übung, nicht ein Kümmern im engeren Sinne. War nach der Faszienentspannung müde, musste aber noch kurz funktionieren. Ist jetzt vorbei.

Weihnachten

Habe mit meiner Schwester gesprochen. Überlege, ob ich ein bis zwei Nächte bei ihnen bleibe. Wahrscheinlich fahre ich nicht nach Hause, da ich in meiner Wohnung nicht viel machen möchte. Wenn ich hinfahre, dann am 24. abends und bleibe bis zum 25. vormittags oder bis zum 26. morgens. Warte auf Infos. Beide Optionen machen Sinn: ruhige Besinnlichkeit in der Klinik oder Weihnachten bei meiner Schwester mit den Kindern. Beides klingt schön. Ich entscheide es, wenn ich die Eckdaten habe.

Vielen Dank fürs Lesen, ich wünsche dir einen wunderbaren Abend und einen schönen Start in den Tag.