Es geht mir hier echt gut.
Ein ernst gemeintes Tl&Dr:
Das Wochenende war hart
meine gesunden Abend- und Morgenroutinen laufen
bin noch minimal verschnupft, aber der Drops ist vrs. gelutscht
die Gruppentherapie war sehr wertvoll und ich hab diesmal mein eigenes Thema eingebracht. Mir wurde gezeigt, dass „Sein“ auch ein Identitätsthema ist. Ich hab eine Liste mit Eigenschaften, wie die Gruppe mich wahrnimmt, erhalten und den Hinweis darauf, dass auch dies im Fluss ist, die Eigenschaften subjektiv wahrgenommen werden, aber dennoch durch die Wiederholung und relative Dauer der Bekanntschaften eine Approximation an relevante reale Eigenschaften meiner Persönlichkeit sind (im Rahmen des Klinikkontexts). Die Unabhängigkeit davon, ob ich still und alleine existiere oder in der Gruppe, ist durchaus ein Teil von mir, den ich einfach ausleben kann, ohne ihn komplett zu hinterfragen. Konstruktiv und als gesunder Erwachsener damit umzugehen, wäre natürlich wünschenswert. Anschließend an diese GT denke ich, dass ich jetzt doch mehr an meinen Themen selbstständig weiterarbeiten werde. Das „Sein“-Thema ist wertvoll, aber ich habe andere größere, dringendere Probleme, die ich parallel angehen kann und werde. Sonst werde ich hier verrückt.
Ich habe mich beim Sport geschont, deshalb bin ich nur Ergometer gefahren.
Singalong war lustig / schön, wir waren heute 10 und haben internationale Weihnachtslieder gesungen.
Warnung:
Ich hab im Text weiter unten beim Schreiben gefühlt und gedacht. Es ist sehr chaotisch und so gar nicht strukturiert. Eher mein innerer Monolog. Einige Leser:innen haben mir gesagt / geschrieben, sie mögen den authentischen Einblick in meine Gedanken.
Ich möchte betonen, dass wer weiterliest, den Verlust an Zeit und Nerven sich selbst zuzuschreiben hat. Mir geht es gut und die oberen Zeilen reichen als Beleg dafür aus.
Weiterhin möchte ich betonen, dass die Therapie hier mich definitiv weiterbringt und es mir insgesamt sehr gut geht. Das ist die eine Seite, das unten ist die andere.
Abgesehen vom obigen Text denke ich Folgendes:
Fast jeden Abend falle ich erschöpft ins Bett, weil ich so gut es geht emotional an mir gearbeitet habe.
In den letzten sieben Wochen habe ich wahrscheinlich mehr geheult als in den letzten zwei Jahren.
Ich werde täglich damit konfrontiert, wie dysfunktional mein Alltag, mein Haushalt, meine Gedanken und Routinen zu Hause vor der Klinik gewesen sind. Und dies, obwohl ich bereits zwei Klinikaufenthalte und viel Persönlichkeitsentwicklung hinter mir habe und diese besser geworden sind.
Ich bin aktuell bewusst impulsiver als in den letzten Jahren und werde dadurch auch häufig mit meiner Scham und Angst vor Ablehnung und negativen Konsequenzen konfrontiert. Was sehr wertvoll ist, denn sind wir ehrlich: Meine Kritiker reden mir ein, dass ich mich buchstäblich für meine Existenz schämen sollte.
In der letzten Woche hab ich meine Depression wieder konfrontiert, die ich nach Jahren erfolgreichen Vermeidens wieder einen Kopf kürzer machen darf.
Abgesehen davon, passive Aggressivität und düsterer Humor beiseite, ganz ehrlich – genau deswegen geht es mir besser. Kein Wunder, dass ich trotz all meiner Mühen nicht eigenständig auf eine vollständig funktionale Alternative zum Suchtverhalten gekommen bin.
Heute ist / war ein super Beispiel:
Nach der permanenten Existenzkrise der letzten zwei Tage, die ich mit dem nervtötenden Versuch verbracht habe, meinem Sein näherzukommen und mir die Zähne daran ausgebissen habe (das Gedicht hat jetzt fünf Strophen, es ist noch nicht fertig), lagen heute früh meine Nerven komplett blank und ich war an dem Punkt, das Thema doch endlich in der Gruppentherapie zu besprechen. Denn es ist ja „nur mein Thema“ und niemand sonst hat diese Probleme und es wäre ja eine riesige Zeitverschwendung für den Rest der Gruppe, sich damit auch nur ansatzweise zu beschäftigen. (Tacheles: Am Abend davor haben wir abgestimmt und 9 von 9 Leuten waren dafür, dass es ihnen auch helfen würde … aber erzählt das mal meinen Kritikern.)
Denn es handelt sich ja um „Kinkerlitzchen“ in meinem Kopf und es sollte eher einfach zu verstehen und zu bewältigen sein. So ist doch Sein nichts anderes als Achtsamkeit während der Abwesenheit meiner Bewältigungsmechanismen. Einfach eben. Ich hab ja keine Sucht, deren Hauptfunktion unter anderem war / ist, genau das zu verhindern.
Es ist ja nicht so, dass Philosophen um 1920 mit dem Existentialismus eine gesamte Denkschule diesem Dilemma gewidmet haben.
(Ja, ich bin eingeknickt und habe nach Hilfe und Ressourcen zum Thema gesucht und ja, es ist eine absolut irrelevante Info. Willkommen in meinem Kopf. Meine Therapeutin wird es mir verzeihen… wahrscheinlich… hoffentlich… im schlimmsten Fall muss ich mir ihre Gunst mit Backwaren erschleichen.)
In der Gruppentherapie selbst hatte ich also das zweifelhafte Vergnügen, dabei zuzusehen, wie meine herzallerliebsten Mitrehabilitanden mir nicht den Freundschaftsdienst erwiesen haben, in der GT über hochrelevante Themen wie Rückfallprävention, Suchtmodelle oder das sehr ergiebige Thema des lokalen Wetters oder dem ebenfalls allseits beliebten Gespräch mit ausgiebiger Kritik an der Klinikorganisation zu sprechen. Nein, sie haben mir alle brav den Rücken gestärkt, während ich vor Anspannung zitternd meine Situation vorgestellt habe.
(Ja, ich schiebe das Thema auch hier auf und versuche verzweifelt, mit schwächelndem Sarkasmus davon abzulenken. Ja, ich fühle mich erwischt. Ja, ich wäre erstaunt, wenn jemand heute bis hierhin liest. Aber von Herzen ein Danke, falls es doch passiert... Es musste raus.)
Kurz und knapp geht hier leider noch weniger als sonst. Mir fehlen noch immer die Worte. Ihr habt die letzten drei Tage schon immer wieder davon gelesen, wie abstrakt / unzugänglich das Thema für mich ist.
Weiter zu der GT:
Ich hab geschildert, wie ich versuche, auf Biegen und Brechen beim „Sein“ anzukommen. Mit und ohne Achtsamkeit, mit Kritikern, mit Suchtdruck und vor allem vielen, vielen Füllwörtern.
Die Therapeutin hat, wie befürchtet, betont, dass dieses Thema subjektiv ist und darauf basiert, genau das zu tun, was ich schon mache: sich damit auseinanderzusetzen, festzuhalten, was funktioniert und was nicht, offen dafür zu sein, dass der persönliche Zugang eben nicht den eigenen Erwartungen entsprechen muss. Natürlich wurde auch Geduld erwähnt, mehrmals. Ich LIEBE Geduld… nein, wirklich… ich liebe es, die Geduld auszuüben, zu ertragen und zu akzeptieren… mich wie ein Idiot dabei zu fühlen, einfach nur zu versuchen, durch den Tag zu gehen, ohne dass einem der verkorkste eigene Schädel das Leben noch schwerer macht, als es ist… und dabei die Debatte zu führen, dass es im Grunde doch ziemlich gut ist… ich bin gesund… ich hab meinen Job… ich hab Freunde und Familie, die mich mögen...
(Das ist mir sehr viel wert und dafür bin ich unendlich dankbar.)
(Sarkasmus wieder an)
… total toll… wenn es denn so einfach wäre… Geduld… Emotionsregulation und Geduld… ach ja, bei der Emotionsregulation braucht es ja auch Geduld… und Übung... Die kommt ja immer mit der liebreizenden Geduld. Die Geduld breitet ihr sozusagen den Weg.
(Ich bin nur minimal wütend, was selbst dem aufmerksamsten Leser hier wahrscheinlich entgehen könnte, so subtil bin ich wütend – ja, ich kreische innerlich.)
Aber hey, es wurde noch besser.
Wir haben dann darüber geredet, wie Identität sich aus Rollen entwickelt und die Rollen ja nicht wirklich wir selbst sind…
Wirklich?
Unsere angepasste Maske, die wir uns extra für spezifische Situationen antrainiert haben, die hochgradig spezialisiert über Jahre von Sozialisierung aufgebaut und kultiviert wurde, ist nicht WIR… wirklich? Wer hätte das gedacht… ich natürlich nicht… Und dann fragt mich auch noch ein Patient: „Ja, was bist du denn, wenn du keine Rolle einnimmst? Tief in dir drin?“ (Ich mag ihn. Wirklich, ich mag ihn. Er ist total nett und wir verstehen uns gut und ich nehme ihm das nicht übel. Er wollte nur helfen und das hat er auch. Aber ich verarbeite den Mist gerade und da kommt es doch etwas intensiver aus mir heraus.)
NICHTS IST DA. VERDAMMTER S***.
Ich weiß, dass dies nicht ganz richtig ist. Nein, tief in mir drin, wenn ich wirklich nachfühle, also so wirklich, ganz zart, geduldig und wohlwollend…
… dann finde ich da doch noch etwas:
DA SIND JA NOCH DIE V*** KRITIKERSÄTZE.
(Natürlich habe ich das nicht so gesagt, aber in mir haben sie geschrien.)
Ich hab kaum einen Zugang dazu, was in mir passiert, wenn ich mich einfach sein lasse. Ich sitze oder liege ruhig und bequem auf meiner flauschigen Kuscheldecke.
Und dann: Nichts, dann. Und genau danach, also direkt nachdem ich das Nichts bemerke, beginnen sie zu flüstern. Die verdammten Sätze:
„Du solltest hier nicht liegen.“ „Du hast Besseres zu tun.“ „Du bist suchtkrank und hast noch keine Ahnung, was es heißt, suchtkrank zu sein. Wie sollst du das ändern, wenn du es nicht verstehst? Was solltest du stattdessen machen? Das bisschen, was du weißt, kriegst du wahrscheinlich auch nicht umgesetzt. Sieh doch, wie es nach den letzten Aufenthalten geklappt hat. Du hast fast alles wieder fallen lassen. Du bist wieder hier in der Klinik… der Staat schiebt dir Geld in deinen A* und was machst du? Liegst auf einer verf*** Decke herum und drehst nicht mal Däumchen.“
Und der Gedankengang bräuchte keine drei Sekunden. Dann schiebe ich das Ding beiseite.
Und der nächste klopft schon an: „Nicht mal richtig nichts tun kannst du. Wie war das mit der Emotionsregulation oder der Achtsamkeit? Das erklärst du doch immer so schön, du Lappen. Trinkst abends deinen Wein und predigst tagsüber Wasser.“
Und danke…
Auch diesen Kelch lasse ich an mir vorübergehen. Habe ich erwähnt, dass jetzt ca. 30 Sekunden vergangen sind?
Die Mistviecher geben sich die Klinke in die Hand.
Das war nur ein Ausschnitt, ich erspare euch den Rest. (Aber hey, im Gespräch arbeite ich den Mist auf.)
Kehren wir zurück zu meinem unheimlich reichhaltigen und erfüllten Inneren. Diesem tiefen, vielschichtigen „Sein“, das da ist, wenn ich mit mir allein bin. Keine Rollen, keine Pläne, nur ich.
Ach ja… da ist… nichts… (faktisch stimmt das so nicht... Es ist meine sehr, sehr negative und überdrüssige Bewertung, die dies als solches erscheinen lässt. Natürlich habe ich Ohrwürmer, intrusive Gedanken und den Drang, obsessiv einer Sache nachzugehen und sie perfekt zu machen, obwohl ich genau weiß, dass ich nicht dazu in der Lage bin, irgendetwas perfekt zu machen.)
Und ja, ab und an habe ich Durst und frage mich, wieso meine Anspannung steigt.
Ach ja, das liegt vielleicht daran, dass mein eigenes Gehirn ein mit Minen gefülltes Labyrinth ist, das ich nur mit sehr strengen Regeln und Plänen irgendwie durchquert bekomme. Es ist ja sogar anstrengend. Habe ich doch sehr viel Übung mit den Regeln und kann sie auswendig und habe ganz toll geübt, die Minen zu umgehen. Mit Therapie habe ich sogar die ein oder andere entschärft… früher konnte ich das ganze Ding sogar stundenlang abstellen. (Entspannung und Sport reichen da leider nur für die Aktivität selbst.)
Früher war es tatsächlich noch besser. Alles war besser. Also damals vor 51 Tagen.
Als ich noch „glücklich“ süchtig und nicht genervt abstinent war… Da war es noch einfach: Spiel an, Hirn aus. Porno an, Gefühl aus. Aber nein, das macht mich ja noch kaputter. Das verschwendet meine Lebenszeit und macht mich noch verantwortungsloser, depressiver und überforderter, als mein ADHS mich ohnehin schon gemacht hat. Und das will nun wirklich niemand. Weder ihr noch ich. Und ich tue mein Möglichstes, dass es nicht mehr passiert (daher auch dieser kleine subtile Ausbruch).
Nein, Suchtverhalten ist keine Option. Aber der Gedanke hat in Form meines eigens von mir, für mich spezialangefertigten, einzigartigen, personalisierten Suchtgedächtnisses einen Logenplatz inmitten meines Hirns mit Ausblick auf meinen Alltag. Was besonders toll ist, ist: Bei jeder noch so kleinen stressigen Situation könnte das Ding anspringen und in mir mit dem Feingefühl eines Elefanten im Porzellanladen herumgrölen: „Früher war alles besser!“ (Kommt euch das überhaupt nicht bekannt vor, oder?)
Yey. Aber Nay. Ich bin damit ja noch relativ funktional gefahren und es hat mir anfangs gedient und mich am Leben gehalten, ohne auf harte Drogen umzusteigen und ein vollkommen asoziales, rücksichtsloses, egozentrisches A** zu werden.
Aber das waren die guten alten Zeiten. Jetzt heißt es Skillkette, Emotionsregulation. Nur blöd, dass die Emotion nicht höher als 7 von 10 ist. Das bedeutet, sich damit auseinanderzusetzen, wie überfordert ich von meiner bloßen Existenz und meinem eigenen Hirn bin. Ja, ich bin ein waschechter Jammerlappen gerade und sollte mich da wieder zusammenreißen.
(Bald höre ich auf, es ist schon recht spät und ich habe mich vielleicht ein klitzekleines bisschen in die Sache hineingesteigert. Nur ein bisschen.)
Ach ja, wir waren dabei, dass das „Sein“ ja etwas ist, das tief in einem drin ist, ohne Rollen, und dass dies eine fundamentale, neue, einzigartige Offenbarung für mich war, die mein Leben nachhaltig verändert hat… NICHT.
Aber als Belohnung dafür, dass ich mir eingestehen konnte, dass die Aussage trotzdem stimmt und dass ich die Knete noch nicht vor lauter Anspannung jemandem ins Gesicht, an die Wand oder aus dem Fenster geworfen habe (geschweige denn einen Stuhl), kriege ich eine Runde aus Wahrnehmungen von Leuten und was für Eigenschaften ich besitze. Bentryräuchert werde ich mit ungerechtfertigten, eindimensionalen „positiven Eigenschaften“, die ich in ihren Augen situationsunabhängig bzw. übergreifend gezeigt habe. (Das habe ich natürlich so nicht gesagt und ich bin sehr dankbar dafür. Mein Umfeld und ich haben uns sehr lange Mühe gegeben, diese Eigenschaften zu kultivieren.) Das ändert nichts daran, dass ich mir bei jedem positiven Wort, das gesprochen wird, buchstäblich einen Schmerzreiz setzen musste, damit ich nicht anfange, die Leute anzuschreien oder aus dem Zimmer stürme…
Jup, ich bin dankbar dafür... Damit meine ich die ganze GT… ich werde genau hingucken, welche Leitungen in meinem Hirn so verkreuzt sind, dass aufrichtige Dankbarkeit und konstruktive Rückmeldung sich wie Schläge in die Eierstöcke anfühlen… (ja)
Es ist spät… die Session war schwer und arbeitet in mir nach. Ich bin total erschöpft und aufgebracht, aber einer gesünderen Psyche wieder einen Schritt näher gekommen. Morgen wird ein sehr langer Tag.
Das musste einfach mal raus. Mir geht's gut. Ich hab den Deckel wieder drauf. Ich mache das Beste aus dem, was ich habe, und das wird gut.
Danke fürs Lesen und einen schönen Tag!