averagesingularity

31.Tag Reality Check

Heute war ein sehr gemischter Tag.

In erster Linie bin ich dankbar, dass ich immer besseren Zugang zu meinen Emotionen habe und dass ich mir die Zeit nehme, mit ihnen zu arbeiten.

Gleichzeitig habe ich gestern Nacht eine Zecke gefunden unterhalb meiner Schulter und natürlich schiebe ich Panik wegen FSME, Borreliose und musste natürlich jetzt erstmal ewig recherchieren, wie unwahrscheinlich es ist, dass ich eines von den beiden habe/bekomme. Aber ich werde mich definitiv, (wenn der Drops gelutscht ist) gegen FSME impfen lassen, weil Teile von RLP um Bad Kreuznach anscheinend mittlerweile zum Risikogebieten gehören und die Impfung echt gut wirkt. Habe mich tatsächlich wieder beruhigt, aber das war recht anstrengend. Und über die Auseinandersetzung mit dem Thema bin ich natürlich sehr gut noch mal in meine Angst vor Krankheiten, Schmerz und Leid und meinem Versuch der Vermeidung des Ganzen reingekommen. Das war sehr wertvoll, viel zu dem Thema nachgedacht, und offensichtlich habe ich noch einiges zu akzeptieren bei dem Thema; was sich auch im Alltag zeigt, wo ich davonlaufe Ich würde sagen, dass es unverhältnismäßig viel Angst vor solchen Thematiken ist, insbesondere vor allem, was den Verlust meiner kognitiven Leistungsfähigkeit betrifft. Aber hey, es ist ein Privileg, in Deutschland zu leben und wir sind medizinisch echt gut aufgestellt. Ist ein großer Trost.

Neben medizinischen Sachen ist mir in der gleichen Nacht mir natürlich auch ein Stück vom Retainer wieder geworden vom Draht. Also musste ich wieder nach Neunkirchen, um dort mir wieder ein Stück von dem Draht absägen zu lassen. Das hat so halb geklappt. Ich habe Ergotherapie verpasst, weil ich früh los wollte, um die Gruppentherapie am Nachmittag nicht zu verpassen. Side fact: Ich bin mir nicht sicher, ob es bei euch geschneit hat. In München hat es heute geschneit. Es hat so gut geschneit, dass ich mit dem Bus nicht nach München zurück konnte. Ich wurde ein paar Stationen im Dorf vor Münchwies rausgelassen und konnte eine Stunde noch mal spazieren gehen bei dem wunderschönen Schneefall, und ich war auch wunderbar warm angezogen, aber es war unerwartet. Heute also auch noch ein kleines Abenteuer gehabt, sehr lustig. Habe es überraschenderweise genossen, meine ganzen Angstthematiken schon wieder vergessen und deswegen hier was Schönes geteilt. Die Reparatur ging easy vonstatten. Dieses Mal musste geklebt werden, deswegen hat sie mich tatsächlich etwas gekostet. Aber nur 30 €, das ist voll in Ordnung.

Abgesehen von den obigen Themen habe ich mich natürlich viel mit mir heute beschäftigt. Wir hatten Gruppentherapie zum Thema Konflikte. Das war sehr wertvoll, weil ich gemerkt habe, dass ich theoretisch zwar recht gut im Umgang mit Konflikten bin, aber praktisch noch immer recht wenig Übung habe und eine Mischung aus überkompensierter Kontrolle, absoluter Vermeidung und impulsiven Kurzschlussreaktionen in meinem Alltag fahre. Darüber wollte ich heute eigentlich mehr reflektieren, aber da ist die Zeit ein bisschen ausgegangen. Aber auch nachvollziehbar, dass ich da Druck auf der Arbeit verspüre, wenn ich da einem großen Konflikt permanent ausgesetzt bin, mit dem ich mich immer noch nicht so zu hundert Prozent zu Ende auseinandergesetzt habe.

Was auch echt gut war, war, dass ich angefangen habe, darüber nachzudenken, am Wochenende nach Hause zu fahren, und habe mit Leuten connected, mehr geschrieben, was echt schön war, weil ich aus dieser Blase der Klinik hier wieder ein bisschen mit dem Bewusstsein raus bin und mich auch schon auf die Zeit danach realistisch emotional eingelassen habe und auch mal ein paar Verbindungen wieder habe aufleben lassen, die mir sehr wohl tun. Vielen Dank noch mal dafür an dieser Stelle.

Je nachdem, wie sich das mit dem Zeckenstich entwickelt, werde ich sehr wahrscheinlich nach Hause fahren, um meine Exposition zu haben. Die Angst interpretiere ich einfach mal als Respekt vor der Sucht und gehe dann mal zuversichtlich damit um, dass ich mich jetzt noch gut vorbereiten kann die nächsten zwei Tage.

Wenn ich anfange darüber nachzudenken, wie viel ich jetzt in der Klinik schon bearbeitet und gewuppt habe, bin ich teilweise sogar recht stolz.

ich bin seit ca. einem Monat abstinent von Gaming, Videos und insbesondere Pornografie, ohne größere Anstrengungen.

ich habe eine Suchtampel als ersten Entwurf, die sehr gut zu funktionieren scheint.

ich arbeite weiterhin an der ADHS Diagnose und meinen persönlichen Schwierigkeiten mit ADHS und wie ich damit umgehen kann. Und habe eine grobe Übersicht über die Symptome und zukünftige medikamentöse Behandlung sowie realistische Verhaltensänderungen.

ich habe festgestellt, dass ich mich in dem letzten Jahr wieder sehr von meinem inneren Erleben abgewandt habe, was die Sucht natürlich gefüttert hat. Aber hier habe ich wesentlich besseren Zugang zu mir und die mir bekannten Strategien übe ich, wo ich kann und wie ich kann.

ich war bei einem Poetry Slam, was ein cooles Hobby werden könnte.

ich habe mein Schriftbild und die Geschwindigkeit leicht verbessert.

die letzten 30 Tage habe ich fast täglich Tagebuch geschrieben und reflektiert. Was die Chance erhöht, dass ich das draußen weiter tue.

ich habe wesentlich gesündere Aufsteh und Schlafroutinen aufgebaut und im Schnitt die Nacht mindestens sieben Stunden geschlafen.

ich habe keine Therapie verpasst und bin nicht mehr als zweimal zu spät gekommen, was für mich ein riesiger persönlicher Rekord ist. Das war bei anderen Klinikaufenthalten nicht so. Ich schiebe es auf mein besseres Verständnis meiner Zeitblindheit und ADHS.

auch wenn ich hier etwas gekränkelt habe und jetzt aktuell relativ ungerechtfertigte Panik schiebe, habe ich mich noch nie so gut und nachhaltig um mich und meinen Körper gekümmert.

durch diesen Blog und den damit eingehenden Konversationen mit euch habe ich wesentlich mehr Beziehungspflege und Austausch im letzten Monat betrieben als in so manchem Jahr davor.

Nachdem ich das so noch mal gesammelt habe, verstehe ich durchaus besser, wieso ich hier so wenig Suchtdruck verspüre. Es wird zu Hause leider nochmals ganz anders sein, aber es stimmt mich mutiger.

Vielen Dank fürs Lesen vom langen Text und herzliche Grüße. Ich bin euch wirklich sehr dankbar und schätze mich glücklich, euch in meinem Leben zu haben.

P. S. ich gedenke, Stefan Butz dazu mehr in einem anderen Post. Mir fehlen dazu die Worte.