averagesingularity

28. Tag: Spaziergang im Wald

Heute war ein sehr schöner Tag.

Tl&Dr:

Highlight des Tages: eine super Aussicht mit Bank gefunden. Wird evtl. mein Lieblingsort hier im Wald!

Heute Sportpause (war aber 2 h spazieren)

Führe ab morgen ein strikteres Gefühlstagebuch, werde evtl. Einträge hier posten.

Habe mich heute ehrlich mit dem Pornografiekonsum auseinandergesetzt. Und zum ersten Mal in meinem Leben aufgeschrieben, was ich mir da eigentlich ansehe und wonach ich süchtig bin. Hatte massive Angst davor. Am Ende fühle ich mich entspannter und viel mehr im Reinen mit mir.

Rehabilitantengruppe war im Rahmen und wir haben die nächsten Themen besprochen. Anfang Dezember gehen 3 Personen. Deren wichtige Themen haben Vorrang.

Länger:

Achtung... Es folgt ein wirklich sehr langer und emotionaler Text mit einem relativ guten Ende.

Der Start in den Tag war ausgeschlafen und ruhig abgesehen von meinen Zielen für heute.

das letzte Einzelgespräch aufarbeiten

mir Gedanken über die Inhalte, die ich konsumiere, machen

jetzt, da ich wieder fit bin, wieder in die Sauna gehen

Hab am Anfang des Tages mir nen Überblick über meine Notizen gemacht und nochmal den begonnenen Lebensstrahl bearbeitet. Parallel hatte ein Mitpatient noch etwas Panik vor einem Familienbesuch, also haben wir etwas Body Doubling betrieben. Es wurde dann leider doch wieder ein Gespräch... Aber ich hab's gemerkt und mich abgegrenzt... Ich übe und das ist okay...

Der Lebensstrahl ist jetzt grob auf dem Stand des Gymnasialanfangs. Ich will die einzelnen Erinnerungen noch etwas ausformulieren und für mich aufschreiben. Es tut mir gut, mich an die schönen und schwierigeren Dinge zu erinnern. Es gibt mir etwas mehr Perspektive zu den Problemen, die ich noch immer habe.

Nach dem Mittagessen bin ich bei dem brillanten Wetter raus in den Wald. Eine traurige Info: Der Turm mit der besten Aussicht hier im Wald ist leider bis März wegen Bauarbeiten gesperrt. D. h. während meines Aufenthalts werde ich da voraussichtlich nicht nochmal hoch können. Das Gute daran ist, dass ich etwas weiter spazieren gegangen bin als geplant und recht schnell einen sehr schönen Aussichtsort mit einer Bank gefunden habe. Evtl. werde ich da in Zukunft auch den ein oder anderen Sonnenaufgang sehen können. Ich bin gespannt.

Am gleichen Spot habe ich mich warm in die Jacke gekuschelt und mir ans Herz gefasst...

Kontext dazu: Im letzten Einzel kam im Laufe des Gesprächs der Beginn des Konsums und der Sucht auf. Und meine Therapeutin wies am Abschluss darauf hin, dass wir nicht umhinkommen werden, zu besprechen, was genau ich konsumiere. Mein Herz war mir in die Hose gerutscht und ich wusste sofort, sie hatte Recht. Das war ein Albtraum, aber ich vertraue ihr und wusste seit Beginn der Reha: Früher oder später würde es passieren... Meine Verdrängungsmechanismen hatten ganze Arbeit geleistet. Mir war klar, dass ich mich darauf vorbereiten musste, sonst würde ich wieder minutenlang wie ein verstörter Hund dasitzen, yippen und meinen Mund auf und zu klappen. Was laut meinem inneren Auge den Moment im Erstgespräch, als wir zu dem Thema kamen, gut beschreibt. Sie wies mich natürlich sofort darauf hin, dass ich noch Zeit habe und langsam machen könne. Wir wussten beide, dass das unrealistisch war. Sie hat mir ein greifbares, therapeutisch wertvolles Ziel vor die Nase gesetzt. Das war der gute Stoff. Der ekelhaft schlimm beschämend schmerzhafte Stoff. Also der richtig gute. Ja, ich schreibe um den heißen Brei drum herum. Mit Absicht. Diverse Leute haben sich mehr Emotionen gewünscht. Und ich versuche im Namen des Therapieerfolgs verletzlicher und offener zu sein. Also schreibe ich in die Weiten des anonymen Internets. Total authentisch und so...

Was danach geschah...

Nach mehreren Minuten hatte ich den Anstarr-Wettbewerb mit der leeren Seite verloren und begann die Dinge aufzuschreiben, für die ich mich wahrscheinlich am meisten in meinem Leben geschämt habe. Es war sehr schmerzhaft. Ich hab mehrmals nasse Augen gehabt. Am Ende hatte ich einige DIN-A7-Seiten voll. Damit gehe ich hier nicht ins Detail, soweit bin ich leider noch nicht... Aber ihr könnt mich ja mal anschreiben oder rufen und fragen. Einiges ergibt sich sicher auch aus dem Kontext.

Die nächsten Minuten widmete ich dem Sackenlassen. Es war etwas. Ich fühlte mich sehr schmutzig und traurig. Die Scham war mehr als real und in meinen Augen gerechtfertigt. Ich hab während der Niederschrift und danach immer mehr in mich hineingefühlt und mein Herz stach... Sehr... Ich bin stolz drauf, dass ich überhaupt so weit gekommen bin.

Viel glücklicher und stolzer bin ich auf das, was danach geschah. Ich hatte die Büchse der Pandora nun geöffnet und saß mit meiner Hoffnung auf der Bank, dass ich diesen Dreck irgendwie von meiner Seele waschen könnte. Ich hasse mich dafür, dass ich es überhaupt habe so weit kommen lassen und dass ich mir nicht vorher Hilfe geholt habe und dass ich mit niemandem drüber geredet habe. Ich wollte auch nicht mehr. Ich weiß nicht, ob ich die Dinge, die da stehen, im Einzel aussprechen können werde... Ich werde es versuchen. Dem Gedankengang folgend fragte ich mich, was wir denn im Einzel damit machen würden. Und die Antwort war recht eindeutig: verstehen, welche psychologischen Grundbedürfnisse davon angesprochen werden. Das war nichts Neues für mich. Doch ich hatte den Dreck noch nie auf Papier geschrieben und kalt, nüchtern, offen drüber nachgedacht. Ich weiß, dass ich einsam bin und dass ich mit dem Konsum früher alle vier Grundbedürfnisse versucht habe zu adressieren. (Ja, es gibt da unterschiedliche Theorien, aber die vier psychologischen Grundbedürfnisse nach Grawe werden hier benutzt, deshalb folge ich denen einfach mal)

Selbstwertschutz und Erhöhung (Autonomie)

Lustgewinn und Unlustvermeidung (Spaß)

Bindung (Nähe)

Orientierung und Kontrolle (Sicherheit)

Nach einem Blick auf die Seiten fielen mir zwei Dinge auf.

  1. Es gab sehr eindeutige Unterschiede in dem Material, das sich gruppieren ließ.

  2. Es gab eine offensichtliche Radikalisierung der Inhalte abhängig von Suchtdruck und Kategorien.

Und das war eine riesen Erleichterung. Eine meiner größten Ängste war, dass dieser Dreck so tief in mir sitzt und dass ich trotz Abstinenz mich danach sehnen würde und die Hoffnung, die sich daraus ergab, war, dass ich wie viele andere auch, die ich aus Foren und Artikeln zu dem Thema kenne, einem kontinuierlichen Toleranzaufbau und deshalb zu extremeren Inhalten geführt wurde bzw. diese konsumiert habe, um das gleiche Maß an Stimulation zu bekommen. Und Punkt Nummer zwei war der Beweis, dass dem so war... Vorher war ich mir nie sicher und das fütterte meinen Selbsthass und meine Scham enorm. Damit fiel mir ein enormer Stein vom Herzen. Mit Erleichterung und der damit einhergehenden Energie leitete ich die Bedürfnisse und sogar konkrete Glaubenssätze und Unsicherheiten aus den Inhalten ab. Es waren recht viele, aber ein paar sind größtenteils altbekannt:

Ich will im Mittelpunkt stehen und gesehen oder beachtet werden, wie ich bin.

Ich will Menschen glücklich machen und dass sie besonders glücklich in meiner Nähe sind.

Ich bin extrem misstrauisch und habe Verlustängste.

Ich denke, ich bin zu viel, z. B. zu unberechenbar, zu schwach, zu verantwortungslos, zu psychisch krank, zu unsensibel, zu inkompetent, zu rücksichtslos, um jemals von jemandem wirklich romantisch geliebt und nicht bemitleidet zu werden. (Der achtsamen Leser*in fällt vielleicht ein Muster auf)

Und noch ein paar andere schöne Sachen... Ein Wunder, dass ich noch Single bin 😂🤣

Der wirklich gute Part jedoch ist, dass das meistens richtig dumme Glaubenssätze sind und ich damit arbeiten kann. Yeha. Denen geht es sowas von an den Kragen.

Und noch viel besser ist, dass ich gerade bei den besonders schlimmen Dingen alleine nach dieser Beobachtung viel mehr Abstand und Kontrolle verspüre. Ein Teil von mir hatte befürchtet, dass der Suchtdruck nach der Niederschrift in die Höhe schießen würde. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Selbst jetzt am Abend, wo ich das alles nochmal reflektiere, bin ich entspannt.

Natürlich wird die Arbeit mit diesen Sachen sehr anstrengend und ein Rückfall kann immer passieren, aber ich vertraue mir und dem Prozess hier jetzt noch mehr. Insbesondere hoffe ich, dass ich, sobald ich meine objektiv existierenden Schwächen kompensiert habe, sich der Suchtdruck noch seltener einstellen wird.

Ich werde dies alles morgen mit meiner Therapeutin besprechen, um zu vermeiden, dass sich mein Laienwissen und Enthusiasmus in kontraproduktiven Ideen, Vermeidung oder Fehlinterpretationen niederschlägt.

Was ganz anderes:

Hatte das Wochenende Schwierigkeiten mit Struktur und Priorisierung gehabt. Hoffe, es fängt sich morgen bzw. in der kommenden Woche. Werde gleich nochmal die Woche durchgehen und mir ne Übersicht verschaffen.

Danke fürs Lesen bis hierhin. Es ist recht spät geworden. Aber das ist jetzt auch mehr als genug Text.