Gestern Abend habe ich noch gut geschrieben und einige gute Insights durch die Protokolle gewonnen. Das hat mir geholfen, meine Prioritäten zu sortieren – und vor allem weiter zu formulieren, weil alles, was ich nicht schriftlich festhalte und regelmäßig lese oder mir selbst aufgebe, schnell schwammig wird und dem gewohnten Mindset weicht.
Was noch passiert ist ( der Teufel trägt Prada 1 geguckt) finde den Film schwierig.... Gerade die toxischen Aspekte der Mode Industrie werden sehr stark verharmlost und nur in Nebensätzen erwähnt....
Was ich gerade lerne
Ich muss ehrlich sein: Viele der Ratschläge, die ich bekomme – auch von mir selbst – beziehen sich auf Willenskraft und Disziplin. Die sind bei mir realistisch nicht so ausgeprägt, wie sie sein müssten. Der Appell „Reiß dich zusammen" funktioniert bei mir nicht.
Als ich meine Rückfälle und meine Notizen aus der Reha betrachtet habe, ist mir aufgefallen: Die Abstinenz in der Reha hat vor allem geklappt, weil ich meine Bedürfnisse „gesund" befriedigt habe und die „Glocke" mir Schutz gegeben hat vor meinen eigenen Gedanken. Meine größten Therapiefortschritte entstanden im „leeren" Raum – wenn ich mich dazu gezwungen habe, „nicht zu funktionieren" und da aufzuhalten.
Daher widerspreche ich der Aussage „Sucht ist Sucht" in dem Aspekt, dass die Mechanismen zwar identisch sind, aber eben nicht die Ursachen, die individuell adressiert werden müssen.
Meine innere Stimme
Ich habe sehr viel innere Härte in mir: „Du Versager, erbärmlicher Wichser, Schwächling, nutzloser, inkompetenter, wehmütiger Lappen." Diese Sätze sage ich mir regelmäßig – und das sind keine gesunden, erwachsenen Sätze. Genauso: „Die Welt ist hart, man muss sich zusammenreißen, man ist allein, man muss sich auf sich selbst verlassen."
Diese Filter sitzen bei mir an. Und ich muss mir meine Schwäche erst einmal zugestehen und verstehen, um an ihr zu arbeiten. Das habe ich teilweise noch immer nicht getan.
Meine Methoden – Wo stehe ich?
Ich habe mehrere Kategorien im Umgang mit der Sucht:
Prävention (Routinen, Struktur, Planung) hat schon konkrete Form, aber es scheitert immer wieder. Warum ist immer noch nicht ganz klar. Der Versuch, immer wieder dort anzufangen und detaillierte Rückfälle zu protokollieren, ist einer meiner größten aktuellen Fehler. Ich werde Leute darum bitten, mich daran zu erinnern, wie wichtig die Protokolle sind – und das bloße „grobe" Aufarbeiten nicht genug ist.
Die Ressourcenliste als Alternativen & Motivationsfaktoren (Abstinenz-Vision, positive Bilder) ist ein riesiges Defizit, weil diese noch zu abstrakt ist. Ich suche zu wenig nach wirklich „schönen Dingen" oder halte sie nicht als Erinnerung fest, um sie in meinen Tag zu planen. Oft wird es eine „To-Do- und Routinen-Orgie", bis ich ausgebrannt bin. In der Reha war es leichter, weil ich mehr platonische und leichte soziale Kontakte hatte, die nicht darauf abgezielt haben, soziale Projekte zu organisieren oder Arbeitsprobleme zu bewältigen. In mir steht die Tendenz jedoch da, aus allem „Leichten" immer ein Projekt zu machen. Welche Dimensionen das annimmt und wie ich dagegen vorgehen kann, ist mir noch nicht ganz klar.
Der Skill-Koffer (spezifische Ressourcen zum Umgang mit schwierigen Situationen: Suchtdruck, Streit, Leere etc.) – eine Gedächtnisstütze und konkretes Handwerkszeug. Dazu gehört auch meine Fähigkeit, Suchtdruck aktiv zu erkennen, zu benennen und mich davon zu distanzieren. Das schreit nach einer genaueren Liste von Beispielen für die Ampel, an die ich mich halte.
Reflexion via Blog, Tagebuch und Gespräche, um die Situation besser zu verstehen und meine anderen Strategien anzupassen. Letzteres ist in meinen Augen das effektivste und effizienteste Tool für Veränderung bei mir und ermöglicht die ersten drei.
Heute im Alltag
Heute Morgen war ich sehr lange im Gym. Es war sehr voll. Den Rest des Tages verbringe ich mit meinem Besuch und arbeite am Abend noch einmal an den restlichen Protokollen.
Ich habe bereits einige Veränderungen hier umgesetzt. Gestern wurde zum Beispiel trotz Besuch der Haushalt erledigt und reflektiert. Heute stand das Gym auf dem Plan, und ich habe weiter an meinen Themen gearbeitet. Ich bin auch sehr dankbar für die Unterstützung von Sahin – allein das Body-Doubling ist ein riesiges Asset.
Meine Vision
Ich sehe aktuell den größten Hebel gegen meine Sucht nicht in den Routinen zum „Weitermachen", sondern vielleicht in Routinen zum „Langsammachen" und Hinterfragen. Es ist sehr wenig Liebe, Freude und Leichtigkeit in meinem Denken – und das nimmt mir Lebensfreude, wenn ich es nicht mit schönen Dingen aufwiege. Das Wissen um die gesunden Verhaltensweisen ist da, doch meine Vision von Abstinenz und dem Generellen der Sucht ist schwammig geworden. Diese Vision muss ich stärken und füttern.
Eiserne Disziplin, Konzentration und absolute Abstinenz sind wichtige Ecksteine für ein gutes Leben. Doch aktuell ist es vielleicht nicht der, der am meisten meiner Aufmerksamkeit benötigt.
Danke fürs Lesen. Ein schönes Wochenende!