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14. Woche | 94. Tag Ein kleiner Abschied

Der Tag selbst war eigentlich ruhig. Er wurde nur sehr spät. Deshalb schreibe ich diesen Eintrag heute nach und beziehe mich auf den Mittwoch, theoretisch Tag 95.

Und obwohl äußerlich nicht viel passiert ist, war dieser Mittwoch unterschwellig sehr emotional. Es hat mich immer wieder Zeit und Energie gekostet, den Emotionen und der Anspannung auf die Schliche zu kommen, statt einfach nur Dinge abzuarbeiten. Ich bin nach wie vor sehr, sehr dankbar für die Zeit hier. Und ich spüre einen starken Drang, diese Dankbarkeit auszudrücken. Besonders gegenüber den Therapeutinnen, aber auch der Ergotherapeutin und dem gesamten Personal. Gleichzeitig merke ich, dass dieses Bedürfnis in meinem Kopf manchmal zu viel Raum einnimmt. Zeit, Gedanken, Energie.

Die Auseinandersetzung mit Dingen, wofür ich dankbar bin und warum ich dankbar bin, empfinde ich an sich als sehr wertvoll. Gerade wenn ich sie in Texte, Gedichte oder Feedback gieße, fühlt sich das für meine Emotionen passend an. Problematisch wird es dann, wenn andere Prioritäten darunter leiden. Zum Beispiel der Wochenplan oder die Vorbereitung auf die ersten zwei Wochen zu Hause.

Diese beiden Bereiche, Dankbarkeit ausdrücken und Struktur aufbauen, waren die Tage zuvor schon nicht richtig im Einklang. Am Mittwoch wollte ich mich eigentlich genau darum kümmern. Aber es ging fast gar nicht.

Ein weiterer Punkt war der Abschied eines Rehabilitanden, mit dem ich hier sehr viel gemacht habe. Er ist aus der Gruppe gegangen, und gestern Abend war sein Abschied. Vormittags haben wir uns gegenseitig Feedback gegeben. Das war sehr schön und es waren ein paar wertvolle Anregungen dabei. Ich hatte auch das Bedürfnis, ihm noch etwas mit auf den Weg zu geben, bevor wir uns viel seltener sehen werden, wenn überhaupt.

In diesem Zusammenhang beschäftigt mich auch meine Idee einer Selbsthilfegruppe auf Skool. Ich weiß noch nicht, wie gut das funktionieren wird. Der Gedanke dahinter ist, eine gamingfreie Plattform zu haben, auf der man schreiben kann, sich austauscht, gute Gewohnheiten pflegt, Wochenziele teilt und regelmäßig über das eigene Befinden spricht, wenn man das möchte.

Für mich ist das auch eine Ressource. Ich weiß nicht, wie es mit ambulanter Therapie weitergeht. In Kreuznach habe ich aktuell keine klassische Selbsthilfegruppe, bei der Caritas stehe ich auf der Warteliste, und die ADHS-Gruppentherapie findet nur alle zwei Wochen statt, ohne festen Turnus für mich. Der Gedanke, den täglichen sicheren Kontakt zu Menschen, denen ich zu vertrauen gelernt habe, jetzt erst einmal loszulassen, löst in mir mehr als nur Trauer aus. Es ist Abschied, Unsicherheit und ein Gefühl von Haltverlust zugleich.

Ich habe mir deshalb bewusst Grenzen gesetzt. Ich habe mir erlaubt zu sagen, dass ich nicht alles in Gedichtform ausdrücken muss. Dass auch rohe Worte reichen dürfen, vielleicht vorformuliert, damit es nicht ausufert. Gedichte sind schön, weil sie verdichten. Aber auf den Punkt zu kommen fällt mir nicht leicht. Das kann ich nur, wenn ich mir vorher Zeit nehme. Und in jedem dieser Texte steckt emotionale Arbeit, ein kreativer Schöpfungsprozess, immer ein Stück von mir.

So wertvoll das ist, so unrealistisch ist der Anspruch, all das jetzt hier vollständig leisten zu wollen, während objektiv wichtige und dringende Dinge anstehen. Also habe ich mich damit beschäftigt, zu sortieren: Wem möchte ich wie Feedback geben, und wo lasse ich es bewusst bleiben. Ich habe Schleifchen darum gemacht, im positiven Sinne. Und mir gleichzeitig klar gemacht, dass meine Pläne für Haushalt, Essen und To-dos bewusst grob bleiben dürfen. Zu detailliert werden sie ohnehin realitätsfremd.

Ich habe mir erlaubt, Zeit mit den Menschen hier zu genießen. So weit es möglich war. Ich bin dabei immer noch verkopft, aber wenn ich mir das Setting bewusst setze und mir die Erlaubnis gebe, kann es sehr schön sein. Das ist etwas, das ich mir hier Stück für Stück erarbeitet habe.

Eines der traurigsten Themen für mich ist die Ablösung von meiner Therapeutin und der therapeutischen Beziehung. Je mehr ich verstehe, was sich hier in mir verändert hat, desto dankbarer bin ich. Und gleichzeitig fühlt es sich weniger so an, als würde ich einen Coach oder Therapeuten verabschieden, sondern eher eine gute Freundin. Eine Art von Beziehung, die ich so in meinem Leben kaum kannte.

Natürlich ist es ein beruflicher Kontext. Therapie. Und trotzdem war das Vertrauensverhältnis und die Offenheit in beide Richtungen etwas, das ich sehr selten erlebt habe. Es war unheimlich heilsam. Deshalb bin ich so dankbar. Und zugleich macht es Hoffnung, dass solche Beziehungen grundsätzlich möglich sind.

Gleichzeitig ist es traurig, weil es unrealistisch erscheint, Menschen mit diesem Hintergrundwissen und diesem Mindset einfach draußen in der Welt kennenzulernen. Das bringt auch viel Hilflosigkeit mit sich.

Und doch glaube ich: Wenn ich weiter an mir arbeite und lerne, mit mir selbst umzugehen, dann kann ich vielleicht häufiger Menschen begegnen, mit denen sich ähnliche Verbundenheit entwickeln kann. Oder ich gebe den Menschen, die bereits in meinem Leben sind, mehr Raum und mache mich verletzlicher. Vielleicht kann es dann sogar jetzt schon passieren. In den letzten Wochen habe ich erste Hinweise darauf gesehen, gerade durch den Blog und die Nachrichten, die daraus entstehen. Und trotzdem frage ich mich, wie man regelmäßig fürsorglich, konstruktiv und kritisch für andere Menschen da sein kann, draußen in der Welt, in Beziehungen. Das fühlt sich wie eine traurige Einsicht über den Zustand meines Umfelds und unserer Gesellschaft an.

Theoretisch könnten viele dieser therapeutischen Dinge auch in normalen sozialen Gesprächen stattfinden. Praktisch ist das extrem schwierig. Das zu verarbeiten fällt mir schwer. Deshalb habe ich auch Respekt vor dem Abschlussgespräch.

Im Grunde wurde hier für mich nicht das Rad neu erfunden. Aber mir wurde Gehör geschenkt. Kein ungefragter Rat. Ich wurde gespiegelt, ja, auch mit Kritik. Meine eigenen Widersprüche wurden benannt und mitgefühlt. Nicht durch Worte allein, sondern durch Haltung und Taten Ich habe hier wieder gelernt, Menschen ein Stück zu vertrauen. Ich hatte bisher kaum emotionale Beziehungen, in denen ich nicht verletzt wurde. Selbst bei anderen Therapeuten kam ich immer an einen Punkt, an dem sie wertschätzend blieben, aber ich mich nicht wirklich verstanden fühlte. Hier war das anders. Das war ein riesiges Geschenk. Vor allem Hoffnung auf Verbesserung. Und die Möglichkeit von mehr.

Auch meine inneren Kritiker hatten hier Raum, zumindest zeitweise. Es wurde kognitiv gearbeitet, aber sie haben nie vollständig übernommen. Einerseits, weil ich wusste, dass sie auftauchen können und das kommuniziert habe. Andererseits, weil die Art der Begleitung ihnen keinen dominanten Raum gegeben hat.

In dieser therapeutischen Beziehung habe ich eine seltene Erfahrung gemacht: durchgängig gewollt, verstanden und genug zu sein. Ich habe kein einziges Mal das Gefühl bekommen, etwas falsch zu machen, zu wenig, zu viel oder zu kompliziert zu sein, ohne dass gesehen wurde, warum ich so handle und wie überfordert ich mich manchmal in meinem eigenen Kopf und Körper fühle.

Das hängt sicher auch damit zusammen, dass ich mich öffnen konnte. Vielleicht haben andere es früher schon versucht, und ich habe es nicht zugelassen oder nicht wahrgenommen. Aber jetzt habe ich diese Erfahrung gemacht. Und ich weiß, dass ich so etwas wieder haben möchte. Nicht im Therapiekontext, sondern mit Freunden, Familie, Menschen in meinem Leben. Dafür will ich an mir arbeiten und offen bleiben.

Solche Momente sind im stressigen Alltag nicht permanent möglich. Aber ich möchte Inseln schaffen. Räume, in denen sie entstehen können. Und ich möchte sie nicht zerstören, indem ich sie mit Leistung, Sucht oder Abwehrhaltung überfrachte. Das war ein großer Punkt dieses Tages.

Am Abend habe ich mich bewusst gegen die Sauna entschieden und stattdessen noch Zeit mit der Gruppe verbracht. Wir haben geredet, gespielt, gelacht. Um das Erlebte zu schätzen, zu fühlen und ein Stück weit zu kultivieren.

Jede Beziehung zwischen Menschen ist einzigartig. Ich habe noch nie zwei erlebt, die sich auch nur annähernd gleich angefühlt haben. Das macht sie wunderschön und liebenswert, aber auch anstrengend und fordernd. Wie man all das fühlen, danach handeln und dabei nicht emotional erschöpft sein soll, weiß ich oft nicht. Gleichzeitig können genau diese Emotionen unglaublich viel Energie freisetzen. Es wurde spät. Deshalb gab es gestern keinen Blogeintrag. Ich wollte meine Minimal-Abend-Routine testen. Der Impuls zu schreiben war da, und das allein gibt mir Hoffnung für die Zeit danach.

Danke fürs Lesen und eine gute Restwoche.