averagesingularity

12. Woche |78. Tag

Insgesamt ein sehr guter Tag.

Sehr wichtig für den Blog, weil heute noch mal ein Thema hochgekommen ist: Ich definiere mich immer noch zu stark über Leistung. Und ich verstehe noch nicht wirklich, wo das herkommt und wie ich das loswerden kann, oder zumindest abschwächen. Meine Therapeutin hat mir heute zwischen Tür und Angel gespiegelt, wie sehr ich da noch im Katastrophisieren drin bin. Wir haben kurz darüber geredet, was zu Hause alles ansteht und wie ich mich übers Wochenende vorbereitet habe, und jetzt noch weiter vorbereiten will. Und genau da identifiziere ich mich anscheinend immer noch stark mit Leistung und Leistungsfähigkeit.

Das ist ein Problem, vor allem weil ich gehofft hatte, dass die Arbeit mit den Grundannahmen gerade gut läuft. Bei „ich bin wertlos“ oder „ich bin nicht genug“ habe ich einen sehr guten Gegenpol gefunden: „Ich entscheide meinen eigenen Wert, und ich bin genug.“

Damit fühle ich mich schon deutlich wohler, auch im Vergleich mit anderen, beziehungsweise wenn ich weniger vergleiche. Gleichzeitig merke ich, dass unter Druck fast die gleichen Emotionen wieder hochkommen. Vor allem, wenn es darum geht, was passieren könnte, wenn ich mich nicht kümmere, nicht aktiv bin, oder nicht genug vorarbeite. Das ist gefühlt fast unverändert.

In dem gleichen Gespräch habe ich mich dann doch noch mal getraut zu fragen: Wie sieht das mit der Verlängerung und den letzten drei Wochen aus? Sie hat mich gefragt, ob ich aus Angst vor dem Alltag und dem Verlassen der Glocke verlängern will, oder weil ich glaube, dass das was bringt. Ich habe beides bejaht. Ich habe Angst, nicht gut vorbereitet zu sein, diese permanente Unsicherheit. Und gleichzeitig hat mir der Zustand meiner Wochenplanung gezeigt, wie viel Energie ich da unterschätze. Allein, wie lange ich gebraucht habe, das überhaupt auf die Kette zu kriegen, war schon ein Hinweis. Und einige Projekte, die wirklich wichtig sind für meine Abstinenz, kosten mehr, als ich mir gern eingestehe.

Hier eine grobe Übersicht von Themen, zu denen ich zwar Ideen habe, aber noch nicht mal den Anfang von einer Strategie oder einem Handlungsplan. Das muss jetzt in den nächsten drei Wochen entstehen, damit der emotionale Stress draußen mich nicht direkt überrollt.

Arbeit und Suchtdruck. Stressige Situationen im Job, Suchtdruck und Potenziale prüfen. Vor allem Emotionsregulation nach langen Tagen, und die Erschöpfung am Wochenende nach der 40 Stunden Woche. Ich habe noch erschreckend wenige Ressourcen außer Achtsamkeit und innerer Haltung. Das hilft kurz und mittelfristig, aber langfristig müssen sich Abläufe und Aufgaben ändern. Den Stress halte ich nicht ewig aus.

Familiensituation. Ich mache mir große Sorgen, wenn ich an das Wohlergehen meiner Familie denke, kurz, mittel und langfristig. Ich war teilweise schon auf Distanz, aber der Besuch am Wochenende hat viel hochgeholt. Ich erkenne Probleme, aber ich habe für viele Dinge noch keine klaren Lösungswege, und oft nicht mal echte Handlungsmöglichkeiten. Da ist viel Hoffnungslosigkeit und Machtlosigkeit im Raum. Abgrenzen geht kurzfristig, langfristig fühlt es sich nicht stabil an.

Leistungs und Weltanschauungsthema. Ich bin zu streng und unrealistisch. Ich verstehe noch nicht sauber, woher das kommt, und wieso es mir genau schadet, aber ich sehe die Folgen: Abgrenzen und Selbstfürsorge haben darin zu wenig Platz. Und ein Teil von mir wehrt sich dagegen, das dauerhaft zu ändern, obwohl ich kognitiv weiß, dass Selbstfürsorge und Abgrenzen die Basis für alles andere sind. Das zeigt sich auch im Helferverhalten, hier in der Klinik, am Telefon, überall. Es tut mir teilweise gut, ja. Es ist mir wichtig, ja. Aber ich habe es nicht wirklich unter Kontrolle. Das ist gefährlich.

Depressive Symptomatik und geringer affektiver Zugang. Ich will weiter lernen, wieder mehr zu fühlen und Gefühlen nicht auszuweichen oder sie wegzudenken. Sonntag hat mir gezeigt, wie schnell ich wieder in dieses Maschinelle rutsche, selbst wenn ich vorsichtig bin. Mir ist erst heute Mittag aufgefallen, wie wenig Zugang ich hatte. Trotz der Timer. Ich habe die Anspannung gemerkt, aber nicht, was darunter liegt. Ich habe viel erledigt, ja. Aber ich habe nicht mehr gefühlt, wieso es wichtig ist. Gut fürs Ergebnis, schlecht für die Lebensfreude. Und auf die Frage meiner Mom: „Was vermisst du draußen?“ war meine Antwort: Nichts. Das war noch mal ein Reality Check. Bei Therapie Fortschritt, Routinen, Fokus, Abstinenz Vision und Versprechen, Beziehungen, die ich verbessern will, Gedichte schreiben, malen, und dem Willen, etwas zu finden, worauf ich mich langfristig freuen kann, ist draußen gerade gefühlt nichts. Das ist Depression, und ich weiß kognitiv, dass ich mich draußen auch gut fühlen werde und dass es Dinge gibt, die mir Freude bringen. Aber vieles davon ist im Moment noch nicht Selbstzweck, sondern auch ein Versuch, nicht lebensmüde zu werden. Ich will ein gutes, gesundes Leben, und ich entwickle langsam eine Idee, wie das für mich aussehen könnte. Da ist schon viel mehr als vor der Reha. Und trotzdem wird es draußen schwer und es wird dauern, da rauszukommen. Mittelfristig stabil genug werden, um mich aus meinem Job wegzubewerben, mich weiterzuqualifizieren oder selbstständig zu werden. Ich weiß nicht, ab wann ich sagen kann: Jetzt bin ich im Alltag angekommen, und jetzt kann ich Praktika und Jobsuche wirklich angehen, ohne mich durch Absagen und Selbstabwertung in massiven Suchtdruck zu bringen. Ich bin da schon ein Stück weg von, aber der Dreck sitzt tief. Die letzten Jahre ambulante Verhaltenstherapie haben mich funktional gehalten. Mit der ADHS Diagnose und der Akzeptanz hat sich viel geändert, definitiv zum Besseren, weil ich Verantwortung übernehme und dadurch handlungsfähiger werde. Dennoch hat mir meine Therapeutin gesagt, dass sie nicht sicher ist, wie sie mir da noch helfen kann. Die Übungen zum Selbstwert haben wenig gebracht, auch wegen der Sucht. Erst hier habe ich wieder genug Verletzlichkeit und Offenheit, um die Glaubenssätze wirklich als meine zu erkennen, und ehrlich daran zu arbeiten.

ADHS. Die Behandlung und meine eigene Arbeit damit ist nach den ersten vier Wochen fast auf null runter. Ich nehme das Ritalin, das hilft sehr. Und ich habe Timer und Tipps aus dem Buch. Aber mein Verständnis meiner Symptome, und das Trennen von Ursache, Wirkung und Placebo, ist aktuell kaum möglich. Hauptsache es wirkt, und ich bin strukturierter, habe weniger Unsicherheit und vergesse weniger als vorher. Aber alles, was nicht in meine Strategien passt, wird zur psychischen Belastung. Ich halte das mit Willenskraft, Geduld und Disziplin aus, bis ich wieder auf Kurs bin. Draußen habe ich diesen Zeitpuffer nicht. Hier kann ich reflektieren und auch mal etwas testen, was sich subjektiv ineffizient oder riskant anfühlt, oder etwas Sicheres hinterfragen. Das ist ein Luxus. Und obwohl mein Gedächtnis durch die Tools nicht besser geworden ist, habe ich mehr Übersicht und mehr Stabilität in der Umsetzung. Gleichzeitig fallen meine Grenzen stärker auf.

Beziehungen, herablassender Ton, vor allem meiner Mom gegenüber. Das zeigt, dass nicht nur fehlende Verletzlichkeit und emotionale Authentizität ein Thema sind, sondern auch mein Beziehungsmodus insgesamt. Draußen werde ich weniger regelmäßige und zufällige Begegnungen haben, und ich bin bei weitem kein „guter Zeitgenosse“. Mit mir Zeit zu verbringen ist für viele immer noch anstrengend, etwas, worauf man sich einstellen muss. Ich stehe mir selbst im Weg, mache vieles kompliziert, erwarte zu viel, und führe keine normalen Gespräche. Und das kommt von Menschen, die mich mögen. Wie ändere ich das? Nach all der Zeit hier kann ich auch mal einen blöden Scherz stehen lassen, und ich benutze wieder mehr Ironie und Sarkasmus. Aber wenn ein Gespräch nicht zum Projekt wird, lasse ich es oft einfach hängen, weil ich keine Meinungen oder Ratschläge raushauen will, die wieder in Leistungsfokus kippen. Und ich bin verzweifelt damit. Ich fand das eigentlich gut an mir. Und jetzt, wo ich dabei bin aufzulösen, dass ich nicht zu wenig und nicht genug bin, steht plötzlich „ich bin zu viel“ im Raum. Ich weiß, dass da Depression mitredet. Trotzdem kenne ich diese Rückmeldungen von euch, und ich kann innerlich noch nicht begreifen, wieso ihr trotzdem bleibt. Das ist unlogisch, und diese Stimme kriege ich noch nicht zum Schweigen.

Wichtig: Ich bin stabil, und es geht mir den Umständen entsprechend gut. Ich habe einfach etwas rausgelassen, was in meinem Kopf rumschwirrt, und was einige meiner offenen To dos und Emotionen sind, um die ich mich kümmern will. Sie sind bei weitem nicht alle gesund, realistisch oder objektiv oder logisch. Und unabhängig von der Verlängerung oder meinem Reha Ende am 26.01. habe ich hier sehr viel erreicht. Alle die oben genannten Punkte werde ich mit Disziplin, Geduld und Selbstfürsorge beständig konfrontieren, ändern, abschwächen und in gesündere Bahnen lenken. So viel Vertrauen habe ich in die Zeit hier, in die Erfahrungen, in mich, und in die Beziehungen, die ich unter anderem dank euch kultivieren konnte.

Danke fürs Lesen. Es ist wesentlich mehr geworden als gedacht. Aber es musste raus.

Liebe Grüße und eine schöne Woche.